Chan Ho-kei: Das Auge von Hongkong. Die sechs Fälle des Inspector Kwan.

„Das Auge von Hongkong“ – so nennen sie Kwan Chun-dok bei der Hongkonger Polizei. Bei der Truppe hat er einen legendären Ruf als Ermittler, der auch die schwierigsten Fälle knackt. Und von diesen erzählt der 1975 geborene Autor Chan Ho-kei in seinem Roman, der auf knapp 600 Seiten fast 50 Jahre umspannt.

Es sind sechs längere, zwar in sich abgeschlossene, doch über Figuren und Ereignisse lose miteinander verknüpfte Erzählungen, in denen sich der Autor seinem freilich fiktiven Supercop nähert. Ein reizvoller Kniff dabei: Chan erzählt die Geschichten in umgekehrter Chronologie, beginnt also 2013 mit dem sterbenden Inspektor.

Der Polizist Kwan Chun-dok liegt im Koma. Zuvor aber hatte er seinem langjährigen Schüler Sonny Lok Hilfe bei einem kniffligen Fall in Industrieellenkreisen angeboten. Und so nutzt Sonny Lok, der neben Kwan Chun-dok in den meisten Geschichten eine zentrale Rolle spielt, seinen sterbenden Mentor für eine bizarre Finte, um den Täter zu überführen.

Von 2013 geht es in großen Schritten zurück bis ins Jahr 1967. Damals wurde Hongkong von gewaltsamen Protesten gegen die britische Kolonialregierung erschüttert. Kwan Chun-dok war noch einfacher Streifenpolizist, der mit Hilfe eines 17-Jährigen eine Bombenattacke vereitelte – der Ausgangspunkt für eine steile Karriere. Als einer der wenigen Chinesen rückte Kwan in die sonst britisch dominierte Führungsetage der Polizei auf.

Auch die übrigen Erzählungen erinnern an historische Ereignisse in und um Hongkong. 1977 ging die Stadtregierung hart gegen die grassierende Korruption bei der Polizei vor. 1989 schlug die chinesische Regierung die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gewaltsam nieder. Chan erwähnt das Ereignis zwar nicht, erweist ihm aber durch die Nennung der Jahreszahl Referenz – und erzählt stattdessen von einem katastrophalen Polizeieinsatz in einem Hotel, in dem sich gesuchte Kriminelle verschanzt haben. Bei der Stürmung des Gebäudes sterben zahlreiche Unbeteiligte. Inspektor Kwan untersucht die Schießerei, stößt auf Ungereimtheiten und gräbt schließlich den eigentlichen, perfiden Grund für den Polizeieinsatz aus. Um einen mit raffiniertem Plan entflohenen Ganoven schließlich geht es in jener Geschichte, die 1997 spielt, kurz bevor die britische Regierung Hongkong an China zurück gibt.

Der Autor Chan Ho-kei, ein studierter Informatiker, dessen Romane in Taiwan erscheinen, schreibt klassische Detektivgeschichten, ohne dabei die Stadt und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse aus dem Blick zu verlieren. Sein Hauptaugenmerk gilt – durchaus mit einem Augenzwinkern versehen – den raffinierten Plots, geschickt gelegten falschen Fährten und überraschenden Volten, zumal Inspektor Kwan gelegentlich das Gesetz dehnt, um seine Gegner zu überführen. Seinem Schüler Sonny Lok bleut er ein: „Man löst keine Fälle, indem man sich stur an die Regeln hält.“ Aus kleinsten Hinweisen und Indizien puzzelt der Inspektor seine Ermittlungsergebnisse zusammen, erkennt, was andere übersehen und zieht häufig verblüffende Schlüsse. Das führt freilich dazu, dass vor den Leserinnen und Lesern jede Kleinigkeit ausgebreitet wird. Spannend ist da vor allem, welchen Dreh Chan einer Erzählung gibt.

Die Konzentration auf die Fälle, auf die Polizeiarbeit, die Polizeihierarchie lässt wenig Raum zur Figurenentwicklung. Die bleiben allesamt blass. Blasse Männer sind es, denn Frauen kommen hier allenfalls in kleinen Nebenrollen vor. Das hinterlässt bei einem 50 Jahre umspannenden Roman ein schräges Bild. Daran hätte wohl auch eine Übersetzung aus dem chinesischen Original nichts geändert. Vorlage für den deutschen Text war, wahrscheinlich aus Kostengründen, die englische Ausgabe. Schade. Dennoch: Wer wendige Detektivgeschichten mit genialen Ermittlern und komplex gestrickten Fällen mag, wird hier gut bedient und bekommt noch etwas Hongkonger Alltag dazu.

Chan Ho-kei: Das Auge von Hongkong. Die sechs Fälle des Inspector Kwan. Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld. Atrium-Verlag, 574 Seiten, 24 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2

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