Mercedes Rosende: Krokodilstränen

Es regnet viel in Mercedes Rosendes Montevideo. Das gibt der Hauptstadt Uruguays diese etwas triste Atmosphäre, die wunderbar zu Rosendes kühl inszenierter Geschichte passt. In ihr kreuzen sich die Bahnen von ein paar mäßig begabten Kriminellen und einer glücklosen Kommissarin. Da ist ein gescheiterter Entführer, der keine Anspannung verträgt, ein so gottesfürchtiger, wie durchgeknallter Anwalt, der Mitglied einer Mafia-Organisation ist, eine verbitterte Frau, die irgendwann merkte, dass sie unbequeme Leute nicht aushalten muss, sondern einfach aus dem Weg räumen kann, ein Berufsverbrecher, dem allzu leicht die Sicherungen durchbrennen und eben eine Kommissarin, die sich der galoppierenden Korruption verweigert, weil sie zumindest ansatzweise noch an Gerechtigkeit glaubt, deshalb aber auch nie ganz vorne mitmischt.

Nun hat Montevideo zwar nur 1,3 Millionen Einwohner, doch braucht es schon etwas mehr als schnöden Zufall, dass diese Figuren zueinander finden. Germán, der Entführer, wird aus dem Gefängnis entlassen, weil die Frau des Entführten aussagte, er habe ihren Mann nie mit einer Waffe bedroht und zudem keine Lösegeldforderung gestellt. Germán versteht zwar die Welt nicht mehr, nimmt das Angebot aber gerne an. Denn selbstverständlich hatte er den Mann bedroht und reichlich Lösegeld gefordert. Auch wenn mit der Frau einiges nicht zu stimmen scheint, beschließt er, einmal in Freiheit, mit ihr gemeinsame Sache zu machen. Schließlich ist er einem Knastbruder, der ihm einen zwielichtigen Anwalt besorgte, noch etwas schuldig. Als Gegenleistung soll Germán beim Überfall auf einen Geldtransporter mitmachen. Und dieser ziemlich grobe, völlig aus dem Ruder laufende Raub ist es, auf den Rosendes clever konstruierter und pointiert erzählter Roman „Krokodilstränen“ zusteuert.

Die 1958 geborene Mercedes Rosende, die auch als Anwältin und Journalistin arbeitet und bisher unter anderem mit dem Premio Nacional de Literatura, also dem uruguayischen Nationalliteraturpreis ausgezeichnet wurde, erzählt das alles in komprimierten Episoden. Dabei schaltet sie kapitelweise von einer Perspektive zur nächsten, taucht kurz ein ins Leben ihrer Figuren, die allerdings allesamt nicht besonders tief angelegt sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie etwas schief im Leben stehen, meist ohne Aussicht, es wieder geraderücken zu können. Viel zu sehr sind sie, von der Kommissarin abgesehen, bereits in kriminelle Dynamiken verstrickt.

Und dynamisch ist auch Rosendes Stil. Ihre Erzählstimme hat etwas Schillerndes, ist mal außen, mal Teil des Geschehens, kommentiert, spricht den Leser auch direkt an. Schreiben, sagte Rosende in einem Interview, sei bei ihr kein linearer Prozess, sondern vielmehr mit einem Filmdreh zu vergleichen, bei dem einzelne Szenen entstehen, die anschließend montiert werden. Und so puzzelt sie aus diversen Splittern zunächst in aller Ruhe die Vorgeschichten ihrer Protagonisten zusammen, bevor sie diese in ein wendungsreiches Finale schickt.

Eine solche Geschichte von Kaputten und Gestörten braucht freilich entsprechende Schauplätze, die so gar nicht auf touristischen Mehrwert zielen. Rosendes Roman spielt in Räumen mit Vergangenheit, etwa dem schäbigen Wartesaal eines Gerichts, in dem es riecht, wie in einem Raubtierkäfig. Selbst die Landschaft kommt bei ihr ohne spektakuläre Hingucker aus: leicht gewelltes Land, dominiert von Sojafeldern, Eukalyptuswäldern und Viehweiden, auf die von oben stetig der Regen prasselt. Ein herrlich trostloses Ambiente, in dem die Autorin mitleidlos lächelnd ihre Figuren in einem Koordinatensystem verschiebt, in dem alles beschädigt ist. In der anhaltenden Flut dickleibiger Kriminalromane ist Mercedes Rosende ein erfrischend kompakter, ungewöhnlich geschnittener und mit reichlich dunklem Humor grundierter Roman gelungen, über sich allzu sicher fühlende Kriminelle, die über ihre eigene Ignoranz stolpern.

Mercedes Rosende: Krokodilstränen. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, 221 Seiten, 18 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2.

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