Dominique Manotti: Kesseltreiben

Schlappe 10 Milliarden Dollar kostete der Deal. 2015 übernahm das US-amerikanische Unternehmen General Electric die Energiesparte des französischen Konzerns Alstom. Europas oberste Wettbewerbshüter mussten dafür grünes Licht geben, was sie schließlich unter Auflagen taten. Dieser ganz reale Fall lieferte die Inspiration für Dominique Manottis furiosen Wirtschaftsthriller „Kesseltreiben“.

Orstam heißt Manottis französischer Energiekonzern, Weltmarktführer im Kraftwerksbau. Bei einer Geschäftsreise in die USA wird ein hochrangiger Orstam-Manager festgenommen. Ihm werden Jahre zurückliegende Schmiergeldzahlungen vorgeworfen. Derweil macht sich ein US-Konkurrent für eine Übernahme von Orstam bereit. Allein: Der Aktienpreis ist ihm noch zu hoch. Er verlangt nach einer Manipulation des Kurses.

Das alles sickert auch zum französischen Geheimdienst durch. Um „Wirtschaftliche Sicherheit“ kümmert sich dort eine gerade mal dreiköpfige Abteilung um Noria Ghozali. Je tiefer Noria mit ihren beiden Kollegen gräbt, desto offensichtlicher wird eine massive Einmischung der US-Behörden und Geheimdienste, um Wirtschaftsinteressen der USA durchzusetzen. So gibt es CIA-Verbindungen ins Orstam-Management, die NSA spähte im großen Stil die Unternehmenskommunikation aus – das machen auch die Enthüllungen von Edward Snowden deutlich, der just zu dieser Zeit an die Öffentlichkeit geht. Doch die Dossiers aus Norias Abteilung zeigen in den französischen Ministerien kaum Reaktionen.

Die Wirtschaftshistorikerin Dominique Manotti versteht es, die Zusammenhänge mit einem gewieften Plot Schicht um Schicht freizulegen und daraus einen packenden Roman zu machen. Sie erzählt konzentriert und temporeich in ihren unverkennbaren klaren, kurzen Sätzen. Immer wieder wechselt sie die Perspektive. So ist sie nah bei den Akteuren im Unternehmen, begleitet deren Winkelzüge und Desinformationskampagnen gegenüber Öffentlichkeit und Belegschaft, derweil sie mit einer soliden Erpressung seitens der US-Justiz und dem lukrativen Lockangebot des US-Konkurrenten umzugehen versuchen. Das erfordert auch robustere Entscheidungen. Die kleine französische Geheimdienstabteilung der Polizei wiederum versucht dieses Geflecht zu entwirren. Und weil Noria und ihre zwei Mitarbeiter kein Budget und kaum Befugnisse haben, sind sie auf Informanten und eine gewisse Kreativität bei den Ermittlungen angewiesen. Genau dieser Ansatz macht die Geschichte so zugänglich. Hier sammelt eine von der Politik kaputt gesparte Abteilung mit einfachsten Mitteln Informationen und zieht ihre Schlüsse.

Die Männer in den Teppichetagen der Konzerne kommen bei der ehemaligen Gewerkschafterin Manotti nie gut weg. Das sind bei ihr ignorante, machtgeile, sich selbst überschätzende, aggressive Typen. So schön fies bekommt man sie selten gezeichnet. Von ihrer weiblichen Hauptfigur Noria Ghozali aber erzählt Manotti sehr viel differenzierter, hat sie ihr doch bereits die Romane „Roter Glamour“ und „Einschlägig bekannt“ gewidmet. Die aus einer Migrantenfamilie stammende Noria erkämpfte sich als junge Frau gegen Männerbünde und massive Ressentiments ihren Platz bei der Polizei, war zuletzt beim französischen Inlandsgeheimdienst in der Terrorbekämpfung. Dort aber fiel sie in Ungnade, als ihr jüngerer Bruder nach Syrien in den Dschihad zog. Sie wurde strafversetzt und will nun auch in dieser randständigen Abteilung zeigen, was sie kann. Doch die Hinhaltetaktiken ihrer Vorgesetzten zermürben sie zusehends.

Die Übernahmeschlacht um einen Energieriesen wird bei Manotti mit harten Bandagen geführt, mit Erpressung, Bestechung, Verleumdung und Mord. Politik, Justiz und die Geheimdienste sind Teil des Spiel. Das hat Manotti hier zwar gnadenlos zugespitzt, doch einzelne Elemente dieser Geschichte sind einem so oder so ähnlich durchaus schon in den Nachrichten begegnet. Manotti schärft den Blick für unangenehme Details, während sie all das gekonnt zu einem intelligenten, handfesten Thriller schnürt.

Dominique Manotti: Kesseltreiben. Aus dem Französischen von Iris Konopik. Argument-Verlag, 400 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2.

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