Gianrico Carofiglio: Kalter Sommer

Kalter Sommer von Gianrico Carofiglio

Kühl und regnerisch ist der Sommer 1992 in Apulien. Das garstige Wetter freilich spielt in Gianrico Carofiglios Roman „Kalter Sommer“ nur eine Nebenrolle. Damals brachten sich in Bari die Mafiosi gegenseitig um. Das geschah tatsächlich. Bei Carofiglio nun gab es anscheinend Streit innerhalb der Organisation, ein Killer aus der Führungsetage begehrte gegen den Boss auf. Als dessen Sohn entführt und später tot aufgefunden wird, fällt der erste Verdacht auf den Aussteiger. Der stellt sich deshalb lieber der Polizei als Kronzeuge zur Verfügung, behauptet, nichts mit der Ermordung des Jungen zu tun zu haben. Dafür liefert er jede Menge Namen und Beweise gegen seinen früheren Clan.

Das gibt den Carabinieri zwar Gelegenheit zu einer groß angelegten Operation, doch so ganz überzeugt sind sie nicht von deren Wirksamkeit. Viel zu sehr sind sie noch geschockt über die Nachricht vom Attentat auf den Richter Giovanni Falcone und dessen Frau, die Richterin Francesca Morvillo, in Sizilien. Die Cosa Nostra hatte sie zusammen mit drei Leibwächtern nahe Palermo mit einer unter der Autobahn platzierten Bombe getötet. Diese Tat und der spätere Anschlag auf den Staatsanwalt Paolo Borsellino erschütterte damals ganz Italien und führte schließlich zu einer breiten Anti-Mafia-Bewegung.

Der ehemalige Antimafia-Staatsanwalt, der auch als Berater einer parlamentarischen Antimafia-Kommission in Rom arbeitete und danach einige Jahre selbst in die Politik ging, hielt sich als Autor beim Thema Organisiertes Verbrechen bisher eher zurück. Diesen Grundsatz hat er hier zum Glück einmal über Bord geworfen. Spannend sind im aktuellen, gewohnt gemächlich und unaufgeregt erzählten Roman vor allem die Vernehmungen des Kronzeugen, die Carofiglio als ausführliche Verhörprotokolle wiedergibt. Darin lässt er den Killer selbst von seinen Verbrechen berichten, aber eben auch über abstruse Aufnahmeriten, über Aufbau und Entstehung der apulischen Mafiaclans. Anfang der 1980er Jahre, erfährt man, wurden sie im Gefängnis gegründet. Die Insassen, so lässt Carofiglio den Mafioso erzählen, seien der Ansicht gewesen, dass in „apulischen Gefängnissen Apulier das Sagen haben sollten und nicht diese Drecksäcke von der neapolitanischen Camorra“.

Die Protokollform gibt dem Juristen Carofiglio außerdem Gelegenheit, seinen Maresciallo, der in seinem früheren Leben mal Literatur studiert hatte, über den Stil solcher Texte nachzudenken. Dafür bemüht er Italo Calvino, der die Protokollsprache einmal als „semantischen Terror“ beschrieben hat, als „Antisprache, die nichts mit den Bedeutungen des Lebens zu tun hat“, eben weil sie allzu Konkretes meidet oder bis zur Unkenntlichkeit einebnet. Über solche Sachen lässt Carofiglio seinen Protagonisten nachdenken, sehr schön.

Gianrico Carofiglio: Kalter Sommer. (Original: „L’estate fredda“, Turin, 2016), aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Goldmann, 350 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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