Claudia Pineiro: Der Privatsekretär

Politik und Aberglaube sollten bestenfalls nichts miteinander zu tun haben. Allzu leicht wächst sich das sonst zu einer fixen Idee mit allenfalls losem Realitätsbezug aus. Was herauskommt, wenn genau das passiert, lotet die argentinische Autorin Claudia Pineiro in ihrem aktuellen Roman „Der Privatsekretär“ in seiner ganzen Absurdität aus.

Pineiro wählt dafür die Perspektive von Román Sabaté, einem jungen Mann, der in der aufstrebenden neuen Partei Pragma ohne Vorkenntnisse aus dem Stand Privatsekretär des Parteichefs wurde. Der Erfolg von Pragma, das lernt er schnell, hängt keineswegs an einem ungewöhnlichen Programm, sondern im Wesentlichen an einem frischen, jugendlichen Image, das auch der charismatische Parteigründer, ein smarter, fotogener Medienprofi verkörpert. Als im Roman der Parteigründer mit einer ungewöhnlichen Bitte an seinen Sekretär herantritt, gerät dessen Weltbild massiv ins Wanken. Er beschließt, dem Politikbetrieb den Rücken zu kehren und den Wählern die Augen zu öffnen. Das freilich will die Partei um jeden Preis verhindern. Zur Seite steht Sabaté eine Journalistin, die an einem Buch über den Alsina-Fluch arbeitet. Noch keinem Gouverneur der Provinz Buenos Aires soll es gelungen sein, argentinischer Präsident zu werden. Und genau diesem Fluch will der Parteigründer entkommen. Seine fixe Idee: die Teilung der Provinz.

Claudia Pineiro, die sich in Argentinien auch immer wieder in aktuelle politische Debatten einmischt, fächert all diese Aspekte mit sachtem Zynismus und großer Präzision wunderbar auf, analysiert messerscharf, treibt die bizarre Geschichte gekonnt auf die Spitze. Dafür wechselt sie kapitelweise die Perspektive, weiß ihre Geschichte intelligent zu inszenieren und entlarvt den Parteigründer so nach und nach als zutiefst manipulativen, machtgeilen und skrupellosen Populisten, der für eine gute PR alles zu tun bereit ist.

Damit übrigens Fluch und Magie funktionieren, braucht es stets zwei Seiten, oder wie der Ethnologe Claude Leví-Strauss formulierte, den Pineiro in ihrem Roman bemüht: „Gleichzeitig sieht man aber, dass die Wirksamkeit der Magie den Glauben an die Magie impliziert.“ Mit Blick auf die aktuelle Politik gerade auch in Europa kann einem das schon zu denken geben.

Claudia Pineiro: Der Privatsekretär. (Original: Las Maldiciones. Buenos Aires, 2017) Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, 315 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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