Peter Terrin: Der Wachmann

Es ist eine klaustrophobische Situation. Zwei Männer, Harry und Michel heißen sie, bewachen die Tiefgarage eines vierzigstöckigen Wohnblocks mit Luxusappartements. Regelmäßig patrouillieren sie durch die unterirdischen Räume, kennen jeden Winkel. Seit Monaten sind sie dort unten, hausen in einer winzigen Kammer mit Stockbett, schlafen abwechselnd fünf Stunden, leben hauptsächlich von Corned Beef. Wie schlimm es um die beiden steht, zeigt sich, als bei einer Lieferung ein Glas Erdbeermarmelade am Boden zerschellt. Als der Fahrer weg ist, löffeln Harry und Michel die Marmelade auf, kratzen noch die Reste aus dem Beton, sind beseelt vom intensiven Fruchtaroma und erschrocken über diesen anarchischen Moment in ihrem sonst so strikten Alltag. Denn beide achten auf eiserne Disziplin. Eine knittrige Uniform, unpolierte Schuhe, eine nicht gereinigte Waffe zu tragen, kommt nicht in Frage. „Die Uniform macht schließlich den Wachmann. Die Uniform und die Waffe“, notiert der Ich-Erzähler. Dabei treffen sie so gut wie nie jemanden dort unten.

Von ihrem Arbeitgeber, der nur „die Organisation“ genannt wird, haben sie schon lange nichts mehr gehört. Immerhin kommt regelmäßig eine Lebensmittellieferung. Das allerdings ist jedes Mal ein heikler Moment, vermuten die beiden doch überall eine Falle. So muss der Lieferant ausladen, während sie mit ihren Waffen auf ihn zielen.

Die Stadt ist in Peter Terrins mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichneten Roman ein diffuser, bedrohlicher Ort. Irgendetwas ist passiert, vielleicht eine nukleare Katastrophe. Die beiden Wachmänner wissen es nicht, sind abgeschnitten von der Außenwelt. Wann immer der Erzähler Michel durch einen Spalt im Tor nach draußen lugt, sieht er nur menschenleere Straßen.

Die Bewohner der Appartements über ihnen haben den Wohnblock verlassen, nur einer soll zurück geblieben sein. Die beiden Wachmänner harren dennoch weiter in der Tiefgarage aus. Harry ist überzeugt, dass die Organisation sie permanent testet, um zu sehen, ob sie für höhere Aufgaben taugen. Als schließlich ein dritter Wachmann hinzukommt und die vertrauten Abläufe, die Zweisamkeit, das empfindliche Machtgefüge zwischen Harry und Michel zu stören droht, bricht die mühsam in Schach gehaltene Paranoia, das Irrationale vollends durch. Der Neue könnte schließlich ein Spion sein.

Ganz nüchtern und im Präsens erzählt der flämische Autor Peter Terrin aus der Perspektive des Wachmannes Michel, ein geduckt durchs Leben schleichender Mann, der Befehle ausführt, bereit ist, einiges zu ertragen, und unfähig, eine eigene Meinung zu entwickeln. Auf kleinem Raum inszeniert Terrin gekonnt diese schließlich komplett aus dem Ruder laufende Geschichte. Da geht es um unterschiedliche Lebenswelten zwischen denen da oben und den Befehlsempfängern ganz unten, um Macht, um Ängste und was aus ihnen erwächst, um stetig wachsendes Misstrauen und das Kunststück, sich das triste Dasein so zu formen, dass es für einen selbst Sinn ergibt, so bröselig dieser auch sein mag. Es geht um sich verschiebende moralische Grenzen, um das Erschaffen einer eigenen Welt, in der man die absolute Kontrolle hat, wenngleich diese Welt mit den realen Verhältnissen allenfalls noch lose verbunden ist.

Das ist düsterer, harter Stoff, der in seiner Anlage an die Dystopien des britischen Autors James Graham Ballard erinnert – auf begrenztem, von der Außenwelt isoliertem Gelände müssen sich Einzelne behaupten. Bei Terrin sind die Wachmänner Gefangene, die ihr eigenes Gefängnis bewachen. Dabei verheddern sie sich immer tiefer in den grotesken Schleifen eines mörderisch drögen Alltags. Seinen Erzähler lässt Terrin das in immer bizarreren Details schildern, in minimalsten Abweichungen von der Norm. Das ist, wenngleich der Roman nur 250 Seiten hat, gelegentlich etwas langatmig geraten und zeigt bis zum irren Finale doch die beklemmende Absurdität leerer Rituale und wild wuchernder Wahnvorstellungen, die sich da im Halbdunkel einer Tiefgarage breit machen.

Peter Terrin: Der Wachmann. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Liebeskind-Verlag, 253 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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