Wolfgang Schorlau: Der große Plan

Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau füllt mit seinen Lesungen Hallen, seine Bücher verkaufen sich prächtig – wohl vor allem dank der kontroversen Themen, die Schorlau immer wieder anpackt. Da geht es unter anderem um die Machenschaften der Fleisch- und Pharmaindustrie oder um die möglichen Verbindungen zwischen NSU und Verfassungsschutz. In seinem neuen Roman widmet er sich der Griechenlandkrise.

Wolfgang Schorlau recherchiert weitläufig und gründlich, ist kritisch und verpackt seine Ergebnisse in Kriminalromane, die im vergangenen Jahr eine Gesamtauflage von fast zwei Millionen Exemplaren hatten. Sperrige Themen faktenreich in unterhaltsame Form zu packen ist wohl wesentlicher Teil des Erfolges, gleichzeitig aber auch das Problem von Schorlaus Romanen. Denn bei ihm steht das gefundene Material und dessen Interpretation im Mittelpunkt. Seine Geschichten zimmert er für gewöhnlich um die Fakten herum und diese Erzählungen funktionieren längst nicht immer. Das gilt teilweise auch für den gerade erschienenen, neunten Dengler-Krimi „Der große Plan“, in dem sich der 66-jährige Schorlau der Griechenlandkrise widmet. Darin gelingt ihm zwar über weite Strecken eine recht kompakte Geschichte, doch ist darin einiges allzu klischeehaft, wirkt manche Wendung einfach zu gewollt.

Da wird eine hochrangige deutsche Diplomatin entführt, die für die Troika arbeitete. Der Privatdetektiv Dengler soll sie im Auftrag des Auswärtigen Amtes ausfindig machen, doch entpuppt sich diese Ermittlung als eine Nummer zu groß. Also folgt er in einem zweiten Anlauf dem Geld, das da angeblich zur Rettung Griechenlands fließt und kommt so allmählich der Lösung des Falles näher.

Genau diese Frage, wohin denn eigentlich die gigantischen Beträge, immerhin rund 250 Milliarden Euro, für die Griechenlandrettung überwiesen wurden, war auch für Schorlau der Ausgangspunkt für seine Recherchen. Ein Jahr nahm ihn das in Anspruch. Am Ende stand fest: Von den ganzen Hilfsgeldern, die ja von europäischen Steuerzahlern stammen, sei nur ein Bruchteil von höchstens zehn Prozent in Griechenland angekommen. Der Rest ging an europäische und US-amerikanische Banken und Investoren, die sich mit Staatsanleihen verzockt hatten und nun mit Steuergeld gestützt wurden. Das ist nicht brandneu, aber Schorlau dröselt das nochmals sehr gut auf. Und er belässt es auch nicht dabei, sondern verzahnt dies mit der deutschen Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Während die dortigen Verbrechen der Wehrmacht hierzulande nicht allzu präsent sind, seien sie in Griechenland noch stark im Bewusstsein verankert, sagte Schorlau. Beim Schreiben sei ihm klar geworden, dass sich das eine (die so genannte Griechenlandkrise) nicht ohne das andere (die Besatzung Griechenlands durch das deutsche Reich während der NS-Zeit) erzählen lasse. So breitet er gekonnt die Familiengeschichte eines skrupellosen SS-Mannes aus, der an einem Massaker der Wehrmacht im griechischen Distomo beteiligt war, nach dem Krieg rasch in einer großen deutschen Bank Karriere macht und in dieser Position auch reichlich Einfluss auf finanzpolitische Entscheidungen der Bundesregierung hat.

Die beiden Stränge führt Schorlau zu einem einigermaßen stimmigen Ganzen zusammen, auch wenn manches erzählerische Manöver ziemlich ruckelig und hemdsärmlig daher kommt. So bindet Dengler etwa seine Freunde in die Ermittlungen ein und die berichten in kurzen Referaten von ihren Nachforschungen. Davon abgesehen rückt er ein Thema in den Fokus, das hierzulande fast schon niemanden mehr zu interessieren scheint, in Griechenland aber zwangsläufig präsent ist. In Athen besuchte Schorlau bei seinen Recherchen unter anderem Suppenküchen und Gesundheitszentren. Die Not, die er dort gesehen habe, sei in Europa ohne Beispiel, sagte er. Und die Troika diktiere faktisch die Regeln. Bleibt die Frage, ob der Kriminalroman denn nun die richtige Form für so ein Thema ist. Ja durchaus, schließlich erreicht Schorlau so die Massen. Und auch, wenn er erzählerisch Luft nach oben hat, ist ihm ein engagierter Roman gelungen, der in der Lage ist, den Blick auf politische Realitäten zu schärfen.

Wolfgang Schorlau: Der große Plan. Roman. Köln, 2018. Kiepenheuer und Witsch, 448 Seiten, 14,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei Culturmag

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