Tito Topin: Cassablanca im Fieber

 

Die Luft brennt, die Zeiten sind unruhig in Tito Topins Casablanca von 1955. Ein großer Teil Marokkos ist noch französisch besetzt, doch die Unabhängigkeit steht unmittelbar bevor. Noch aber haben die Franzosen das Sagen. Die Polizei agiert willkürlich, geht brutal gegen Araber vor, unter denen sich massiver Widerstand gegen die Besatzer formiert. Immer wieder kommt es zu Übergriffen beider Seiten. Und mitten in diesem Hexenkessel hat es die Polizei mit einem reichen, französischen Muttersöhnchen zu tun, der es auf europäische Frauen abgesehen hat.

Der junge Mann vergewaltigt eine Spanierin und schlägt sie halb tot. Noch in derselben Nacht wird er selbst überfallen – von arabischen Männern, die ihn bei seiner Tat beobachtet haben. Die Mutter des jungen Mannes ist eine einflussreiche Frau. Sie ist Ärztin, leitet eine Klinik und ist mit dem Provinzgouverneur liiert. Und der gibt eine offizielle Version der Ereignisse vor: Araber seien es gewesen, die das Paar angegriffen hätten. Die Polizei nimmt kurzerhand einen vermeintlich Verdächtigen fest – und prügelt ihn tot.

Ein junger Polizist allerdings hat Zweifel an der offiziellen Version, zumal sich kurz darauf ein weiterer Überfall auf eine Frau ereignet und der reiche Schnösel am Tatort gesehen wird. Derweil planen radikale Araber einen Bombenanschlag in der Stadt.

Das ist durchaus eine harte Geschichte, die der 1932 in Casablanca geborene Tito Topin hier erzählt, zumal all die Grausamkeiten wie nebenbei abgehandelt werden. Doch der Autor und Grafiker, der mit Mitte 30 nach Frankreich übersiedelte, erzählt seine Geschichte mit schneidendem Witz. So hat etwa das teure Auto des misogynen Franzosen die wichtigste Nebenrolle in dem Roman, wird gleich mehrfach geklaut, beschlagnahmt, ausgeliehen und so von verschiedenen Protagonisten für ihre oft gegenläufigen Interessen genutzt. Mit diesem scharfkantigen Humor freilich lässt Topin die gesellschaftlichen und politischen Bruchlinien nur umso deutlicher hervortreten. Er hält ein Brennglas auf eine überschaubare Szene, in der sich die historische Misere des besetzten Marokko abzeichnet. In ihr ist auch zu sehen, wie die Mechanismen von Unterdrückung und Propaganda eingesetzt werden, wie Machtstrukturen funktionieren und wie der Widerstand dagegen.

Das Original dieses Romans erschien bereits 1983. Im Jahr 1991 kam es erstmals auf den deutschen Markt. Die nun vorliegende Ausgabe wurde von dem heute 85-jährigen Autor überarbeitet und von Katarina Grän neu übersetzt. Interessant wäre da vielleicht eine Notiz gewesen, in dem er erklärt, was er da warum angepasst hat.

Seine Geschichte treibt Topin auf gerade mal 200 Seiten voran. Allzu tief sind die Figuren nicht angelegt, auch wenn der Autor versucht, sie nicht nur schwarz-weiß zu zeichnen. Freilich gibt es den araberhassenden französischen Bullen, der ohne weiteres einen Mord als Unfall, eine Schießerei als Notwehr ausgeben kann. Aber es gibt auf beiden Seiten eben auch jene, die das alles differenzierter sehen. Da ist etwa der junge Polizist, der noch an Gerechtigkeit glaubt und meint, dafür den richtigen Beruf ergriffen zu haben. Auch der ehemalige marokkanische Fremdenlegionär hat einen durchaus offenen Blick auf die Verhältnisse. Und es treten einige selbstbewusste Frauen auf.

Tito Topin erzählt von offenem Rassismus, von der Arroganz der Besatzer und einer politisch völlig verfahrenen Situation im Casablanca der Nachkriegszeit. Die Franzosen sind bereits auf dem Rückzug, gegenseitiges Verständnis ist weder von Seiten der Polizei, noch von patriotischen Arabern zu erwarten. Ganz nebenbei fängt der Autor etwas Alltag ein – samt des umtriebigen Nachtlebens der in der schwülen Hitze des marokkanischen Sommers siedenden Großstadt. Seinen Noir hat Tito Topin stark verdichtet und grotesk zugespitzt. Er erzählt rasant aus unterschiedlichen Perspektiven und mit dem rabenschwarzen Humor des Satirikers eine ziemlich bittere Geschichte, in der es keine Gewinner gibt.

Tito Topin: Casablanca im Fieber. Aus dem Französischen von Katarina Grän. Distel-Verlag, 210 Seiten, 14,80 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2.

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