Anita Nair: Gewaltkette

Kinder als Ware – ein schwieriges Thema, von dem die indische Autorin Anita Nair in ihrem Kriminalroman „Gewaltkette“ jedoch gekonnt erzählt. In Indiens drittgrößter Metropole Bangalore, die gerne als „indisches Silicon Valley“ bezeichnet wird, folgt Nair mehreren Menschen. Ein junger Mann, der sich selbst Krishna nennt, verschleppt zwei Jungen. Sie sollen als Haushaltssklaven weitervermittelt werden. Eine junge Frau wird von ihrem Freund überredet, mit einem Anwalt auszugehen. Er kassiert dafür eine Provision. Eine Jugendliche muss sich unter erbärmlichsten Bedingungen in einem Bordell prostituieren. Im Zimmer nebenan wird eine entführte 12-Jährige in einem Käfig gehalten. Sie ist für einen pädophilen Kunden bestimmt.

Dieses Mädchen namens Nandita ist es, das ein paar Polizisten in fiebrige Aktivität versetzt. Denn es ist die Tochter von Inspector Borei Gowdas Hausmädchen. Und Gowda, ein knurriger Typ um die 50, der am liebsten auf seiner alten Enfield durch die Gassen knattert und eigentlich privat mit Ehefrau, Freundin und orientierungslosem Sohn genug an den Hacken hat, will sie um jeden Preis finden.

Dabei kann Gowda keineswegs auf den gesamten Polizeiapparat bauen. Er vertraut nur ganz wenigen seiner Untergebenen. Von vielen anderen weiß er, dass sie korrupt sind, mit Kriminellen gemeinsame Sache machen. Seine Vorgesetzten sind ignorante Machtmenschen, denen vor allem die eigene Karriere am Herzen liegt. Und Gowda weiß, dass seine Truppe auch von der Bevölkerung keine Unterstützung zu erwarten braucht, weil die Polizei als brutal gilt – und die meisten seiner Kollegen, heißt es in dem Roman, werden diesem Ruf mühelos gerecht.

Etwa 100 000 Kinder verschwinden in Indien jedes Jahr. Sie werden als Haussklaven verkauft, zu harter Arbeit, zur Prostitution oder zum Betteln gezwungen. Zwei Jahre lang hat die 1966 geborene Anita Nair für ihr Buch recherchiert, indem sie unter anderem bei der Hilfsorganisation BOSCO mitarbeitete, die sich um verschleppte, drogenabhängige und missbrauchte Kinder kümmert. In Bangalore unterhält die Organisation sieben Therapiezentren und sechs Rettungsstationen, weil sich die Stadt mittlerweile zu einem Knotenpunkt für den Menschenhandel entwickelt hat. Die dort gemachten Erfahrungen zählten für Anita Nair, wie sie in einem Interview sagte, zu den härtesten ihres Lebens. Denn Kinder werden in Indien und andernorts nicht nur von armen Eltern verkauft, sondern auch gezielt entführt – weil es einen Markt für sie gibt. Dieser bittere Mechanismus spiegelt sich auch in Nairs deutschem Romantitel „Gewaltkette“. Und sie zeigt, wie sch die Kette der Gewalt fortsetzt: Krishna wurde als Kind verkauft, musste schuften, bis er irgendwann fliehen konnte, und gehört nun zu jenen, die selbst Kinder entführen und dieses System am Leben halten.

Jedes im Buch beschriebene Kinderschicksal, sagte Nair, basiere auf einer realen Geschichte. Ein solcher Ansatz ist ehrenwert, kann einem Roman aber auch im Weg stehen, wenn Autoren ihre Erzählung um solche Fakten herum zimmern. Das ist bei Anita Nair definitiv nicht der Fall. Sie weiß Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen und ist ihren zahlreichen Figuren sehr zugewandt. So schwer das Thema ist, so leicht ist Nairs Ton, dabei aber nie unbedarft oder verharmlosend. Die Geschichten, die sie in diesem Roman bündelt, erzählen zupackend vom Leben und Überleben im heutigen Bangalore, zumal die Autorin auch einen präzisen Blick auf Alltägliches wirft, etwa die Rolle der unterschiedlichen Sprachen in Indien oder die Funktionsweisen einer stark hierarchisch geprägten Gesellschaft.

Anita Nair, die bereits zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays veröffentlichte, hat mit „Gewaltkette“ einen nuancenreichen und vitalen Kriminalroman geschrieben. Ein wenig Straffung hätte ihm zwar gut getan, doch bringt er einem gerade deshalb nicht nur ein garstiges Thema, sondern auch das moderne Indien in vielen Facetten näher. Das ist gelungene, engagierte Literatur – von einer ebenso engagierten Herausgeberin in der deutschen Ausgabe um ein ausführliches Glossar samt üppiger Literaturliste zum Thema ergänzt.

Anita Nair: Gewaltkette. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Argument-Verlag, 352 Seiten, 19 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR2

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