Castle Freeman: Der Klügere lädt nach

Ruhe – das ist, was Sheriff Lucian Wing am liebsten mag. In seinem Tal im nördlichen Vermont an der US-Ostküste passiert auch tatsächlich nicht allzu viel. Meistens zumindest. Diesmal aber kommt es dick. Wings Frau Clemmie hat ein Verhältnis mit seinem Deputy angefangen. Der wohnt jetzt sogar in seinem Haus, während der Sheriff im Büro übernachtet. Seine Mutter hat eine galoppierende Demenz. Und dann gibt es auch noch wirkliche Sheriff-Arbeit. Einem jungen Taugenichts wird eines Abends eine Hand abgetrennt, kurz darauf einem weiteren ein Auge ausgeschnitten. Wing ermittelt halbherzig. Das merkt auch der Vorsitzende des Gemeinderats, ein einflussreicher Karrierist namens Stephen Roark, der jedem im Tal auf die Nerven geht, besonders aber Wing das Leben schwer macht.

Noch etwas über unser Tal. Es ist ein schönes Tal, ein gutes Tal und so weiter. Aber es ist nicht groß. Das heißt, der Sheriff und alle anderen schwimmen im selben Teich, wie die Frösche im Frühling. Je mehr man herumläuft, desto mehr läuft man sich über den Weg. Manchmal ist es, als würde man versuchen, in einer Telefonzelle Fußball zu spielen. Dann braucht man neue Regeln. Aber wie lauten die?

Die Situation in Castle Freemans drittem Kriminalroman ist komplex. Es gibt jede Menge Konflikte, die dem Sheriff und Ich-Erzähler allmählich über den Kopf wachsen, zumal er Probleme gerne auf die sanfte Tour regelt. Sheriff Lucian Wing kennt die Leute im Tal, redet mit ihnen, lässt manches auch einfach mal laufen, in der Hoffnung, dass sich manche Schwierigkeiten mit der Zeit einfach auflösen. Schließlich war er selbst einst ein jugendlicher Hitzkopf, der mit seinen Aktionen das Tal tyrannisierte. Das hörte schlagartig auf, nachdem der junge Wing vom damaligen Sheriff und zweien seiner Kumpels in die Mangel genommen worden war. Sie hatten ihm ein Brandzeichen verpasst und ihm geraten, doch ein paar Jahre zum Militär zu gehen. Das tat er tatsächlich, kam zurück, bekam von seinem Vorgänger den Sheriff-Posten angetragen, wurde gewählt und sorgt seither für Ordnung – mit etwas Unterstützung. Die drei Männer, die ihn damals zur Räson gebracht hatten, leben nach wie vor im Tal und knöpfen sich von Zeit zu Zeit jene vor, die für Unruhe sorgen. An sie wendet sich Wing auch mit seinen persönlichen Problemen: Zu schaffen macht ihm der Liebhaber seiner Frau und der Vorsitzende Roark.

„Also, was sollen wir tun?“, sagte Cola.

„Tja“, sagte Homer, „wir haben nicht eben viel Auswahl, würde ich sagen. Das Ganze ist wie ein herausstehender Nagel in einem Dielenbrett. Man muss was unternehmen, sonst stolpert man noch darüber. Man könnte sich wehtun. Was macht man also? Man könnte versuchen, ihn rauszuziehen.“

„Aber das funktioniert nicht immer“, sagte Cola.

„Man könnte ihn auch wieder ins Dielenbrett schlagen“, sagte Homer.

„Aber das wäre irgendwie schlampig, oder“, sagte Cola. „Nicht sorgfältig. Der Nagel arbeitet sich wieder raus.“

„Genau“, sagte Homer. „Am besten wäre es…“. Er sah Wingate an.

„Ihn abzuschneiden“, sagte Wingate. Jetzt sahen die drei mich an. Ich hatte gewusst, dass sie mich ansehen würden.

Der heute 73-jährige Castle Freeman ist ein Erzähler mit wunderbar lakonischem Witz. Seine Dialoge, die einen Gutteil der Geschichte ausmachen, sind fein geschliffen und mit einem knochentrockenen Humor imprägniert. Hier wird schließlich nicht weniger als ein Mord verhandelt, verpackt in einen netten Vergleich aus dem täglichen Leben. Überhaupt liebt Freeman, der jahrelang für ein landwirtschaftliches Magazin schrieb, die bodenständigen, aber vielsagenden Vergleiche, gerne mit Naturphänomenen. Gelegentlich lässt er sich auch über ganz Praktisches aus, etwa wie man in jenem Haus, in dem nun der Liebhaber seiner Frau ein- und ausgeht, am besten die kaputte Scheibe einer Verandatür auswechselt. Es sind gerade solche Szenen, die einen glauben machen, der Erzähler sei ein gutmütiger Kerl, aber nicht eben der Hellste – und genau diese Annahme führt einen in die völlig falsche Richtung. Freemans Protagonist ist ein sehr genauer Beobachter, der es von Vorteil findet, wenn ihn andere unterschätzen und der das, was er sieht, in treffsichere Miniaturen zu verwandeln weiß. Hier etwa charakterisiert er seinen Schwiegervater:

Er war Anwalt, schien aber nie allzu hart zu arbeiten. Er war nicht an der juristischen Front, sondern mehr im Beratungsgeschäft, wie er es ausdrückte, und die meisten Leute, die er beriet waren nicht von hier. Jetzt ließ er es ruhig angehen, lebte in einem permanenten Halbruhestand und genoss die goldenen Jahre, umgeben von Büchern und Leergut.

Wie nebenbei zeichnet der Menschenkenner Freeman seine Figuren und fängt dabei facettenreich das gemeinschaftliche Leben in der Provinz mit all seinen Abgründen ein. Die kurzen Kapitel sind nicht selten so zugespitzt, dass sie gelegentlich auch für sich genommen als Erzählungen durchgehen könnten, zumal Freeman zwar linear, aber etwas sprunghaft erzählt. Sein Stil ist auch dort, wo es richtig brenzlig wird, so luftig und leicht, dass man erst spät merkt, wie hart diese auf gerade mal 200 Seiten ausgebreitete Geschichte eigentlich ist. Da geht es unter anderem um Kontrolle, um gut gehütete Geheimnisse und um Leute, die sich ihre Gesetze seit Jahrzehnten selbst machen. Das ist Wilder Westen im Osten der USA, nicht damals, sondern heute. Und Freeman jubelt einem in diesem heiteren Plauderton, den Dirk van Gunsteren in ein fein dahin schnurrendes Deutsch übertragen hat, eine richtig üble Geschichte unter – wie eine Schicht Senf im Apfelkuchen, in dem auch noch eine Sardelle versteckt ist. Er lächelt dabei freundlich, und meint es dennoch durchaus ernst. Die Leute in Castle Freemans Geschichten sind eigentlich ganz nett, doch zu trauen ist in diesem Tal keinem – aus Sicht von Sheriff Lucian Wing nicht mal der eigenen Mutter.

Castle Freeman: Der Klügere lädt nach. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Nagel und Kimche, 203 Seiten, 19 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht auf SWR 2.

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