Volker Heise: Außer Kontrolle

Ein kleines Ensemble gnadenlos überforderter Figuren schickt Volker Heise in seinem Debütroman los und das geht übel aus. Da ist die junge Nadine, die in einem Berliner Callcenter arbeitet und sich mit ihrem ebenso jungen Kollegen Jan einlässt. Sie kommt aus einem kleinen Ort in Mecklenburg und dorthin, so ist der zunehmend wacklige Plan, will Nadine zurück, zu ihrem Freund, der einen Hof hat. Jan ist derweil fest entschlossen, sie davon abzuhalten, indem er sie in ein schickes Restaurant ausführt, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Doch soweit kommt es erst gar nicht. Zwei Polizisten auf Streife treffen eine fatale Entscheidung und entfachen damit ein gewaltiges Chaos.

Heises Figuren (er folgt noch einigen mehr) sind allesamt in sich gefangen, sind, jeder für sich, mit einem ganzen Bündel an fixen Ideen unterwegs und steuern mit Ansage auf die falsche Abzweigung zu. Und dann ist da die Großstadt Berlin selbst, die in Heises Roman eine zentrale Rolle spielt, Kulisse abgibt, aber auch jener Ort ist, der seine Protagonisten verschlingt. Einem kommt sie vor wie „ein riesiger Organismus, für den die Menschen nur ein Rohstoff sind“.

Von weit oben zoomt sich der 1962 geborene Dokumentarfilmer Heise, der schon „24 H Berlin“ eingefangen hat, an die Stadt heran, bevor er sich mitten hinein stürzt und ein paar Unglückliche ins Unglück begleitet, dabei immer wieder zwischen Innen- und Außensicht wechselt, den Blick fokussiert, dann wieder weitet und so längst nicht nur die Figuren mit ihren inneren Querelen einfängt, sondern stets in gestochen scharfen Bildern auch das Leben drumherum. Er schaut ganz genau hin, arbeitet mit schnellen Schnitten, Perspektivwechseln, wildem Humor. Und Heise kann zupackend erzählen, filmisch und gleichzeitig die Möglichkeiten der Literatur nutzend. Eine wunderbar flirrende Geschichte über Menschen, deren Leben mit einem Mal aus dem Gleis springt und partout nicht mehr einzufangen ist.

Volker Heise. Außer Kontrolle. Roman. Rowohlt. 240 Seiten, 20 Euro

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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