Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

22 Jahre lang war Keisuke Shimamura unsichtbar – mitten in Tokio. 22 Jahre lang tat er alles dafür, nicht aufzufallen, ein Leben unterhalb der Wahrnehmungsschwelle Anderer zu führen. Er ist 43 Jahre alt, schwerer Alkoholiker, und hält sich als Betreiber einer abgehalfterten Bar gerade so über Wasser. Mit einem Schlag allerdings endet sein Versteckspiel, und der scheue Ich-Erzähler in Iori Fujiwaras packendem Roman „Der Sonnenschirm des Terroristen“ muss von heute auf morgen sein verkorkstes Leben neu ordnen.

Ich ging in mein Zimmer und suchte meine Sonnenbrille. Vor zwanzig Jahren hatte ich immer eine Sonnenbrille getragen. Sie war das einzige, was ich nicht entsorgt hatte. Dann verließ ich die Bar. Vielleicht beobachtete man mich, aber ich sah mich nicht um. Sollten sie mich doch beobachten, wenn es ihnen Spaß machte. Am helllichten Tag würde niemand für Aufsehen sorgen wollen. Wenigstens kein normaler Mensch. Und gewarnt hatte man mich ja schon.

Was den Protagonisten und Ich-Erzähler aus seiner Lethargie katapultiert, ist eine gewaltige Bombenexplosion in einem Park mitten in Tokio. Shimamura ist dort, als es passiert, liegt Whisky trinkend auf einer Wiese. Nach der Explosion läuft er davon, vergisst in der Hektik aber seine Whiskyflasche und hinterlässt so seine Fingerabdrücke. Und die sind den Behörden bekannt. Denn der junge Shimamura war 1971 zusammen mit seinem Kumpel Kuwano in der radikalen, linken Studentenbewegung aktiv, die unter anderem gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. Als damals nahe der Uni eine Bombe explodierte und ein Polizist ums Leben kam, ermittelte der Staatsschutz. Die Bombe stammte von seinem Kumpel Kuwano und lag in Shimamuras Auto, als sie hochging. Doch wie sich im Lauf des Romans herausstellt, war es keine gezielte Attacke, sondern ein skurriler Unfall. Kuwano setzte sich am nächsten Tag nach Europa ab. Auch der als Terrorist gesuchte Shimamura tauchte unter und versuchte vergeblich, mit der Schuld klarzukommen.

Unter den Toten des aktuellen Bombenanschlags im Jahr 1993 ist wieder ein hochrangiger Polizist, weshalb die Behörden von einem politischen Attentat ausgehen. Die Fingerabdrücke des vermeintlichen Terroristen Shimamura scheinen die These zu stützen. Also wird nach ihm gefahndet und Shimamura tritt die Flucht nach vorn an. Er recherchiert auf eigene Faust, wer hinter dem Anschlag im Park steckt. Hilfe bekommt er aus zwei ganz unterschiedlichen Richtungen. Da ist zum einen ein Mitglied der japanischen Mafia, der Yakuza, und zum anderen die selbstbewusste Tochter einer ehemaligen Freundin. Diese Freundin aus Studententagen kam bei dem Anschlag im Park ebenfalls ums Leben.

Der 1948 geborene und 2007 verstorbene Autor Iori Fujiwara erzählt diese Geschichte mit großer Ruhe. Langeweile kommt deshalb aber keinen Moment auf, denn Fujiwara, der hier erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen ist, hat seinen Kriminalroman mit einem intelligent gestrickten Plot, konzentrierten Szenen, pointierten Dialogen und immer wieder aufblitzendem trockenen Witz versehen. Sein whiskyabhängiger Protagonist muss sich intensiv mit seiner Vergangenheit und gleichzeitig mit den Hintergründen des aktuellen Anschlags auseinandersetzen. Ganz allmählich zeigt sich dabei, wie die beiden Ereignisse zusammenhängen könnten.

Als Leser meint man stets auf Augenhöhe mit dem Protagonisten zu sein, wird aber immer wieder überrascht. Denn der Ich-Erzähler gibt seine Informationen nur Stück für Stück preis. Und je mehr man erfährt, umso verwinkelter wird die Geschichte. Zudem schildert Fujiwara die boomende Glitzermetropole Tokio aus der Sicht eines Mannes, der am Rand der Gesellschaft lebt. So kommt er zeitweise bei Obdachlosen unter, schläft in einem hundehüttengroßen, stinkenden Kartonhaus, eine Perspektive, die seinen Blick auf die moderne Gesellschaft noch mehr schärft.

Ich krabbelte in Gens Karton. Die Konstruktion war beeindruckend. Die letzte Säuberung war vor fünf Tagen, hatte Tatsu gesagt. Mit Säuberung meinte er die Räumungsaktion, die die Stadt zweimal im Monat durchführen ließ und bei der jedes Mal alle Kartonagen und sofern der Bewohner nicht da war, sämtliches Mobiliar entfernt wurden. Dafür, dass diese Behausung eine Lebenserwartung von nur einem halben Monat hatte, war sie sehr solide. Gen, der Mann, der sie gebaut hatte, war schon über sechzig. Ich rief mir sein Gesicht in Erinnerung. Das ernste Gesicht eines alten Mannes. Gen hatte lange auf dem Bau gearbeitet. Die Schufterei hatte seinen Körper schwer gezeichnet. Das war der Lohn ehrlicher Arbeit.

Mit einigen wenigen, dafür fein gezeichneten Figuren erzählt Fujiwara hier eine eindringliche Geschichte. Sein etwas aus der Zeit gefallener Protagonist muss sich bei seinen Nachforschungen nicht nur mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit sehr gegenwärtigen Themen beschäftigen. So stößt er auf undurchsichtige Unternehmensgeflechte, auf Kriminelle in Nadelstreifen und jene, die die Drecksarbeit machen. Er trifft auf kleine Drogenhändler und hört von den Veränderungen innerhalb der Organisierten Kriminalität, wo es Streit darüber gibt, ob man tatsächlich in den lukrativen Drogenhandel einsteigen soll. Und derweil schiebt er sich an jenen Mann heran, den er zur Rechenschaft ziehen will.

Der Legende nach schrieb der Romanist Iori Fujiwara diesen Roman in einer persönlichen Zwangslage. Anfang der 1990er Jahre musste er Spielschulden bei der Yakuza tilgen. 10 Millionen Yen, umgerechnet etwa 70 000 Euro, betrug das Preisgeld für den höchstdotierten Krimipreis im Land. Den brauchte er und verfasste dafür seinen ersten Kriminalroman. Die Rechnung ging auf – völlig zurecht. Er bekam sogar noch einen renommierten Literaturpreis hinterher. 1995 war das. Die über 20 Jahre, die seitdem vergangen sind, hat dieser Kriminalroman schadlos überstanden. Ein Glück, dass ihn der kleine, auf japanische Literatur spezialisierte Cass-Verlag ausgegraben und in sein Programm aufgenommen hat.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Cass-Verlag, 352 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2 Lesenswert

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