Ottessa Moshfegh: Eileen

 

Eileen Dunlop ist 24 und hasst ihr Leben. In einer Kleinstadt an der US-Ostküste, die sie selbst nur X-ville nennt, lebt sie im Jahr 1964 mit ihrem schwerst alkoholkranken Vater in einem Haus. Während der im Gin-Delirium durch seine persönlichen Wahnvorstellungen tapert, zweifelt Eileen in einer Kammer unterm Dachboden permanent an sich selbst. Sie schämt sich ihres Körpers. Wenn sie überhaupt isst, schlingt sie im Stehen ein Sandwich hinunter und ihr Darm regt sich nur, wenn sie ihm mit Tabletten auf die Sprünge hilft.

Ihre Mutter starb, als Eileen neben ihr schlief. Seither trägt sie deren altbackene Kleider, in der Hoffnung, dadurch für andere unsichtbar zu werden. Sex ist für sie unvorstellbares Terrain. Sie arbeitet als Sekretärin in einem Jugendgefängnis, wird von ihren Kolleginnen geschnitten. Als die gut aussehende Rebecca Saint John dort als Erziehungsbeauftragte anfängt, ist Eileen von deren selbstsicherem Auftreten begeistert. Und Rebecca scheint sie zu schätzen, macht ihr Komplimente, fragt nach ihrer Meinung. Die intelligente Eileen registriert zwar, wie ungewöhnlich diese Zuwendung ist, redet sich aber ein, sie habe endlich eine Freundin gefunden. Doch Rebecca sieht in Eileen nur die perfekte Komplizin für ein geplantes Verbrechen: ahnungslos, unbedarft, von den Anderen gemieden. Was Rebecca nicht weiß: Auch Eileen verfolgt einen Plan, will endlich aus X-ville fliehen und in New York ein neues Leben beginnen. Dass ihr das letztendlich gelingt, ist von Anfang an klar, denn die Erzählerin ist eine Eileen in ihren Siebzigern, die mit dem Abstand einiger Jahrzehnte auf ihr jüngeres Selbst blickt.

Die 1981 in Boston geborene Autorin Ottessa Moshfegh taucht mit „Eileen“ tief ein in die angeknackste Psyche ihrer Protagonistin. Das scheint ihr zu liegen. Bereits mit ihrem furiosen Debüt „Mc Glue“ folgte sie einem Seemann in dessen fiebrige Alkoholdelirien. Auch diesmal geht Moshfegh mit ihrer Protagonistin durch alle Niederungen und vermittelt so das detaillierte Bild einer jungen Frau, die nach einer üblen Jugend nicht aus den Startlöchern kommt, die gefangen ist in einem Netz aus Ängsten, Erwartungen und Verpflichtungen. Sie wirkt ziemlich verschroben, wie sie da die Vergänglichkeit im Blick eine tote Maus im Handschuhfach ihres alten Dodge spazieren fährt, dessen Abgase permanent in die Fahrerkabine dringen und jede Fahrt zu einem Hochrisikounternehmen machen.

Ottessa Moshfegh, Tochter zweier Profimusiker, ist gnadenlos mit ihrer Protagonistin, lässt nichts aus, ist jedem Detail zugetan und hat den düsteren Humor sowie den Rhythmus und die sprachlichen Mittel, das auch erzählerisch zum Glänzen zu bringen. Etliche schräge Figuren geistern durch diese Geschichte. Und wie sie trostlose Orte schildert, ist großartig, schmuddelige Haushalte mit ihren haltlos dahin schlitternden Bewohnern, das triste Innere einer Besserungsanstalt, in der vor allem Bürokraten und Sadisten zu arbeiten scheinen. Der Ich-Erzählerin ist derweil nicht so ganz zu trauen. So zeichnet sie etwa Rebecca Saint John ziemlich oberflächlich, eher Projektion als ernstzunehmende Figur. Sie könnte zwar noch viel mehr über Rebecca erzählen, sagt da Eileen im Rückblick, aber dies sei schließlich kein Buch über Rebecca, sondern über sie selbst.

Genau das ist denn auch die große Stärke dieses Romans, eine Figur sichtbar zu machen, die an den gesellschaftlichen Rand gedriftet und dennoch nicht in der Lage ist, ihren unberechenbaren Vater einfach seinem Schicksal zu überlassen. Die dafür nötige Energie setzt erst ein Verbrechen frei, auf das die Geschichte zusteuert. Doch das Verbrechen und vor allem dessen Motiv bleiben seltsam diffus. Da kann der Roman nicht ganz halten, was er anfangs verspricht. Dieser erste Teil ist kompakt, konzentriert, erzählt mit treibendem, dunklen Witz von einer Fahrt in die Nacht, die Straße eng, kurvig und unabsehbar, am Steuer eine flatterhafte, unsichere Protagonistin, getrieben von dem Wunsch, gebremst von der Angst, endlich auszubrechen. Allein dafür lohnt die Lektüre.

Ottessa Moshfegh: Eileen. Aus dem Englischen von Caroline Burger. Liebeskind-Verlag, 334 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.