Xiao Bai: Die Verschwörung von Shanghai

Kriminalliteratur aus China bekommt man hier selten zu lesen. Bekannt sind vor allem die Romane von Qui Xiaolong, die im heutigen Shanghai spielen und von parteiinternen Machtkämpfen, politischen Intrigen, Habgier und Korruption im modernen China erzählen. Während Qui in die USA emigrierte und seine Romane auf Englisch schreibt, lebt und veröffentlicht sein Kollege Xiao Bai in Shanghai. Im Insel-Verlag ist sein historischer Kriminalroman „Die Verschwörung von Shanghai“ erschienen, der im Jahr 1931 spielt. Die politische Lage damals war in China so instabil wie unübersichtlich, was insbesondere für Shanghai mit seinen internationalen Konzessionen galt, die jeweils eine eigene Verwaltung und eigene Interessen hatten. Genau dort, in der Französischen Konzession, spielt Xiao Bais Roman, ein Thriller, ein politisches Intrigenspiel, eine komplizierte Liebesgeschichte.

Ein Ozeandampfer fährt am frühen Morgen des 19. Mai 1931 durch den Matsu-Kanal auf Shanghai zu.

Ein dicker Nebel verdeckte die Sterne. Jetzt an Deck zu gehen, hieße in einen kalten, schwarzen Traum einzutauchen.

Das denkt Hsueh Weiß, ein chinesisch-französischer Pressefotograf aus Shanghai. Mit an Bord sind auch jene beiden Frauen, die neben Weiß im Zentrum von Xiao Bais raffiniertem Roman „Die Verschwörung von Shanghai“ stehen: seine Geliebte Therese und eine attraktive Frau namens Leng, auf die Hsueh an Bord aufmerksam wird.

Im Hafen angekommen überstürzen sich die Ereignisse. Lengs Ehemann, ein Politiker der Nationalen Volkspartei Kuomintang, wird von einem kommunistischen Attentäter erschossen. Leng macht sich im anschließenden Tumult aus dem Staub. Die Behörden vermuten, dass sie den Kommunisten angehört und in Shanghais Französischer Konzession untergetaucht ist.

Die Situation im damaligen China war unübersichtlich. 1931 hatte Japan die Mandschurei im Nordosten besetzt und große Teile Nordchinas unter seine Kontrolle gebracht. Gleichzeitig bekämpfen sich im Land die Nationalisten der Kuomintang mit den Kommunisten unter Führung von Mao Zedong. Während die Nationalisten große Gebiete im Süden und Osten hielten, waren die Kommunisten vor allem in Zentralchina stark. In Shanghai war die Lage noch komplizierter, weil es dort eine Internationale und eine Französische Konzession mit jeweils eigener Verwaltung gab. Zudem spielte die Green Gang, ein mächtiges Gangstersyndikat, eine gewichtige Rolle in der Stadt, zumal sie mit der Kuomintang kooperierte. In Xiao Bais Roman ist dort auch eine kommunistische Gruppe aktiv, die im Untergrund agiert, Banken überfällt und einen großen Coup plant.

In dieser angespannten Lage gerät der Fotograf Hsueh Weiß in die Fänge der politischen Polizei im Französischen Sektor, die ihn zwingt, seine Freundin Therese zu bespitzeln. Denn sie sei, erfährt der Lebemann Hsueh, eine aus Weißrussland eingewanderte Waffenhändlerin. Als Hsueh in der Konzession durch Zufall die Kommunistin Leng wiedertrifft und die beiden bald ein Verhältnis beginnen, wird es kompliziert. Um der Polizei Informationen liefern zu können, lässt sich Hsue von Leng in die kommunistische Gruppe einschleusen. Die Kommunisten trauen ihm zwar nicht über den Weg, planen jedoch einen großen Anschlag, für den sie neu entwickelte Waffen brauchen. Also fädelt Hsueh über Therese einen Waffendeal ein, versucht derweil, die beiden Frauen aus dem Fokus der französischen Polizei zu bugsieren – und das Ganze möglichst lebend zu überstehen.

Hsueh hatte keine Ahnung, wie er das alles wieder in Ordnung bringen sollte. Dabei hatte er das Chaos selbst geschaffen, weil er nicht nein sagen konnte und niemanden enttäuschen wollte. Andererseits, gab es zwei Menschen, die er wirklich vor Schaden bewahren wollte. Aber er konnte sie nicht einmal vor der Gefahr warnen, in der sie sich befanden. Denn diese Gefahr war er selbst.

Eine geschickt inszenierte, bisweilen allerdings etwas langatmig geratene Geschichte hat der 1968 geborene, in Shanghai lebende Xiao Bai da geschrieben. In China ist er ein bekannter Autor, der mit diesem Roman erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen ist. Allerdings hat der Verlag nicht das chinesische Original, sondern die englische Ausgabe übersetzen lassen, die in Absprache mit dem Autor leicht verändert wurde.

Aber auch darin ist keinem zu trauen, jeder hat mindestens eine geheime Agenda. Bai weiß das Verwirrspiel spannend zu erzählen, geradlinig zwar, doch springt er immer wieder ein Stück zurück, um eine Szene nochmal aus anderer Perspektive zu beleuchten. Durch diese erzählerischen Schleifen kommt man zumindest einigen der Figuren näher und erfährt nebenbei auch etwas über das Leben in der Französischen Konzession. Hier streicht die Kommunistin Leng durch das Viertel.

Sie ging durch einen Longtang zur Avenue Dubail. Dort musste es eine Telefonzelle geben. Tagsüber standen die eisernen Tore der Longtangs alle offen, aber in den Hinterhöfen und Durchgängen war es sehr dunkel. Trotz der leichten Brise war die Luft gesättigt vom Geruch der gestrigen Mahlzeiten und der Nachttöpfe, die zum Trocknen im Freien standen. Die engen Passagen stanken, als ob sie die Eingeweide der Stadt wären.

Das Shanghai von damals, eine multikulturelle Metropole vor der kommunistischen Revolution, vor dem Einmarsch der japanischen Armee, fängt Xiao Bai in vielen beiläufigen Details und einigen starken Szenen ein. Die zahlreichen Charaktere sind indes nicht immer einfach auseinanderzuhalten. Da hilft zwar ein gelegentlicher Blick ins Personenregister, doch zeigt das auch, dass Bai viele seiner Figuren nicht besonders tief angelegt hat. So bestehen die Beziehungen zwischen Hsueh und den beiden Frauen Therese und Leng vornehmlich aus Sex. Das ist etwas simpel, wenngleich Bai hier auf die unterschiedlichen Motivationen aus ist: Für Therese ist es Vergnügen, zudem hält sie sich Hsueh so gefügig. Für die naive, ideologisch gesteuerte Leng ist es hingegen mühevolle Arbeit, soll sie ihn doch im Auftrag ihrer kommunistischen Zelle im Auge behalten. Wobei:

Leng fühlte sich wie ein dürftiger, auf den Haken gespießter Köder, der in den See getaucht worden war. Jetzt, wo der Angler die Rute ausgelegt hatte, begann sie, Gefühle für den Fisch zu entwickeln.

Interessant ist, dass Teile der Geschichte und manche Figuren anscheinend historisch verbürgt sind, zumindest behauptet Bai das in seinem Nachwort. Bei Recherchen im Shanghaier Stadtarchiv sei er auf eine Akte über Therese Irxmaier, einer weißrussischen Waffenhändlerin gestoßen. Und für sie interessiere sich ein Inspektor Sarly, lautete eine Notiz darauf. Mit diesem Satz habe seine Geschichte ihren Anfang genommen, schreibt Bai. Die Akten sind jedoch unvollständig, so dass sich Bai entschied, einen Roman zu schreiben, um die Lücken mit Phantasie füllen zu können. Die Recherche freilich könnte auch nur eine vom Romancier Xiao Bai erfundene Fährte sein, um der Geschichte etwas mehr historisches Gewicht zu verleihen.

Aus dem Stoff jedenfalls spinnt er eine verwickelte historische Spitzel- und eine nicht weniger komplizierte Liebesgeschichte in politisch unruhigen Zeiten. Xiao Bai weiß das in sprachlich durchaus elegante, farblich zurückhaltende Bilder zu fassen, die auch davon erzählen, wie weit Menschen im Namen einer Ideologie zu gehen bereit sind. Einzig Xiao Bais Hang zur Melodramatik ist es, der ihm in diesem spannenden, auch präzisen, bisweilen mit sachtem Sarkasmus erzählten historischen Kriminalroman hie und da im Weg steht. Aber das ist verkraftbar.

Xiao Bai: Die Verschwörung von Shanghai. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. Insel-Verlag, 426 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei SWR 2

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