Tanguy Viel: Selbstjustiz

Eigentlich ist alles klar in Tanguy Viels aktuellen Roman „Selbstjustiz“. Beim Hummerfischen vor der bretonischen Küste bei Brest warf Martial Kermeur jenen Mann über Bord, der ihn ruiniert hatte. Der Mann starb im kalten Atlantik und nun sitzt der des Mordes angeklagte Kermeur einem Richter gegenüber und erzählt ihm alles, erzählt von seiner gescheiterten Ehe, wie er seinen Sohn allein groß zog, wie er sein bescheidenes Leben an der bretonischen Küste als Gutsverwalter fristete, wie der Spekulant Antoine Lazenec mit großen Plänen auftauchte, ein Seebad, Tourismus, Wohlstand, kurz ein besseres Leben versprach. Und Kermeur, der, wie viele andere im Ort von der in Auflösung begriffenen Marinebasis gerade eine Abfindung bekommen hatte, ließ sich wider besseren Wissens bezirzen, investierte, was er hatte, in ein Luftschloss, das nie gebaut wurde. Und Lazenec baute nicht nur nicht, sondern verprasste das Geld vor aller Augen und keiner der Betroffenen sprach über seine Misere, jeder schämte sich ob seiner Dummheit und seiner Gier.

Das holt der Ich-Erzähler Kermeur nun nach, legt gegenüber dem Richter eine schonungslose Lebensbeichte ab, die einen Menschen zeigt, der immer alles richtig machen wollte, gelegentlich vielleicht zu zögerlich, zu unentschlossen war und der dann ganz gegen seine Natur, eine spontane Entscheidung traf, die sich als fatal erweisen sollte. „Es gab einen Riss in mir, und Lazenec drang hinein wie der Wind“, beschreibt er die listige, soziale Intelligenz seines Widersachers. Und der Richter muss schließlich entscheiden, ob sein Gegenüber ein Mörder ist oder ob es vielleicht doch nur ein Unfall war.

Der französische Autor Tanguy Viel erzählt das wunderbar konzentriert, klar, sehr elegant, braucht gerade mal knapp 170 Seiten für diese sacht gewundene, kluge, immer wieder überraschende Geschichte über Moral und eine verzweifelte Hoffnung auf das große Glück, das schon bei flüchtiger Betrachtung fadenscheinig wirkt. Klasse.

Tanguy Viel: Selbstjustiz. Roman. (Original: Article 353 du code nénal, Paris, 2017). Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 168 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei crimemag.

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