Carsten Jensen: Der erste Stein

Der erste Stein von Carsten Jensen

Öde ist es in Helmand, einer Provinz im Süden Afghanistans. Ein kleiner Trupp dänischer Soldaten soll dort als Teil des Nato-Kontingents für Sicherheit sorgen. Alle haben sie sich freiwillig gemeldet, um gegen Dschihadisten zu kämpfen, aber auch um etwas zu erleben oder um aus ihrem alten Leben zu fliehen. Doch es gibt keine Front. Sie sind dort, um Präsenz zu zeigen, auf Patrouille zu gehen. Ein langweiliger Job.

Das ist die Ausgangssituation in Carsten Jensens packendem Roman „Der erste Stein“. Doch als bei einer Routine-Patrouille zwei Soldaten durch eine Landmine ums Leben kommen, ändert sich alles. Die Dänen wollen Vergeltung, greifen einen der weit verstreuten Höfe an, töten Zivilisten. Und dann passiert etwas, mit dem niemand gerechnet hat. Der dänische Oberleutnant Rasmus Schröder, ein verschlossener Typ, der die Landessprache Paschtu spricht, führt einen Teil seiner eigenen Soldaten bewusst in einen tödlichen Hinterhalt. Die restlichen Soldaten lässt er verschleppen. Darunter ist mit Oberst Steffensen der Kommandant der Einheit und mit Hannah auch die einzige Frau des Zuges. Sie hatte in den Wochen zuvor ein kurzes Verhältnis mit Schröder, weiß aber genauso wenig wie die anderen, was er mit ihnen vorhat. Derweil hat sich ein dänischer Agent mit afghanischen Wurzeln namens Khaiber auf den Weg gemacht, um die Verschleppten zu finden.

Der Anti-Kriegsroman entwickelt sich allmählich zu einem intelligenten Polit-Thriller, der es in sich hat. Denn der Geheimdienst rätselt, wer dieser Schröder tatsächlich ist, welche Ziele er verfolgt und für wen er arbeitet. In Dänemark entwickelte er Computerspiele und hatte bereits damals mehrere Identitäten, hinterließ kaum Spuren und schaffte es ohne weiteres in die Armee. In Afghanistan scheint er gleichwohl mit den USA, wie mit den Taliban Geschäfte zu machen.

Der 1952 geborene Carsten Jensen war als Journalist bereits mehrfach und auch über längere Zeit in Afghanistan. Entsprechend präzise und kenntnisreich sind seine Schilderungen der diffizilen Machtverhältnisse zwischen Warlords, lokalen Behörden, den Nato-Truppen und den Taliban. Da trifft etwa der dänische Kommandant Steffensen eine Abmachung mit einem lokalen Stammesführer, um Angriffe auf sein Militärlager zu vermeiden. Doch mit wem wiederum Steffensens Verhandlungspartner paktiert, das durchschaut er nicht.

Jensen nimmt sich zu Beginn des Romans Zeit, seine Figuren mit ihren Eigenheiten und Beweggründen herauszuarbeiten, sie greifbar zu machen – bevor er sie in den Krieg schickt. Dort sind die jungen Soldaten, die mit Videospielen in einer friedlichen Nachbarschaft groß wurden, plötzlich mit der Gnadenlosigkeit eines asymmetrisch geführten Kampfes und existentiellen Fragen konfrontiert. Jensen wechselt dabei ständig die Perspektive, bleibt außen und ist doch nah an seinen Figuren. Einzig der etwa in der Mitte des Romans auftauchende Agent Khaiber ist ein Ich-Erzähler, der wichtig ist, weil er als Sohn eines paschtunischen Vaters und einer dänischen Mutter, in beiden Welten zuhause ist, als Insider vieles erklären kann. Dazu liefert Jensen eindringliche Bilder von afghanischen Landschaften und ihren Bewohnern.

Er erzählt von einem durch Krieg und Bürgerkrieg verwüsteten Land und was dieser jahrzehntelange Belagerungszustand mit den Menschen macht. Er erzählt vom Terror der Drohnen, die tausende Kilometer entfernt virtuell gesteuert werden. Es geht um die Rolle privater Sicherheitsfirmen, um fragwürdige politische Strategien, um Identität und darum, wie brüchig unsere zivilisatorische Oberfläche wohl ist. Sie ist sehr brüchig, extrem dünn, sagt Jensen, indem er von Soldaten erzählt, die sich fragen müssen, wer sie wohl sein werden, wenn sie je nach Hause kommen. In klarer Prosa schreibt Jensen von einer sehr komplexen Realität, in der es keine einfachen Lösungen gibt, militärische gleich gar nicht. Ihm ist ein brillanter Polit-Thriller gelungen, ein so aktueller, vielschichtiger und unvorhersehbarer Roman, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Carsten Jensen: Der erste Stein. Aus dem Dänischen Von Ulrich Sonnenberg. Knaus-Verlag, 639 Seiten, 26 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2.

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