Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht

Wer heute Abend das Licht in der Küche anschaltet, ist sich wohl kaum darüber bewusst, wie intensiv einst der Kampf um das erste elektrische Leuchtmittel geführt wurde. Denn die unscheinbare Glühbirne hat mindestens zwei Väter, zumindest zwei, die 1888 in New York Anspruch darauf erhoben. Das war zum einen Thomas Edison, berühmtester Erfinder seiner Zeit, der unter anderem bereits den Tele- und den Phonographen auf den Markt gebracht hatte. Sein Gegenspieler war George Westinghouse, dessen größter Coup bis dahin die auf den ersten Blick etwas weniger spektakuläre Luftdruckbremse für Züge war. Den historischen Streit dieser beiden Alphamännchen hat sich nun der US-amerikanische Autor Graham Moore in seinem Roman „Die letzten Tage der Nacht“ vorgenommen.

Edison beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. „Ich erschaffe Dinge. Dinge, die es vorher nicht gegeben hat. Jemand wie Sie wird nie verstehen, wie es ist, wenn man etwas Neues in diese geistlose, öde Welt bringt.“

Der da von Edison verbal bearbeitet wird, ist Paul Cravath, der junge Anwalt von Edisons Konkurrent Westinghouse. Beide Erfinder hatten sich zeitgleich der neuartigen Elektrizität zugewandt, wobei Edison als erster ein Glühbirnen-Patent anmeldete, was Westinghouse wiederum nicht hinderte, eine eigene Glühbirne auf den Markt zu bringen. Edison überzog seinen Gegner daraufhin mit 312 Klagen. Der Streitwert: Eine Milliarde Dollar. Für den Anwalt Paul Cravath ist es der erste große Fall – ein nahezu aussichtsloser dazu.

Sein Mandant erinnerte Paul an niemanden so sehr wie an Edison. Die beiden Männer ähnelten sich auf fast perverse Art und Weise. Jeder war sich seines eigenen Genies so sicher, dass er für das des anderen nur Verachtung übrig hatte.

Beharken sich die beiden Erfinder zunächst nur wegen der Glühbirne, gerät das Leuchtmittel im so genannten „Stromkrieg“ bald zur Nebensache. Edison setzt auf Gleichstrom. Wer es sich leisten kann, kauft sich einen seiner Generatoren und beleuchtet sein Haus elektrisch. Sein Kontrahent Westinghouse dagegen hat sich eine Erfindung des genialen Ingenieurs Nicola Tesla – im Übrigen Namenspatron für das kalifornische Elektroauto-Unternehmen – gesichert. Er setzt auf Wechselstromaggregate, die eine wesentlich größere Reichweite haben und mit denen statt einzelner Häuser ganze Städte illuminiert werden können.

Der Streit darüber, welche Art Strom denn nun die bessere ist, wird mit harten Bandagen und auf vielen Ebenen geführt. So macht Edison etwa mit dem Erfinder Harold Brown gemeinsame Sache, der in Zeitungsartikeln wieder und wieder über die Gefährlichkeit von Wechselstrom schreibt. Brown ist es auch, der den Elektrischen Stuhl erfindet – der selbstverständlich mit Wechselstrom betrieben wird. Diese perfide Verknüpfung sollte das Aus für den Wechselstrom sein, denn wer wollte schon etwas im Haus haben, mit dem andernorts Menschen umgebracht wurden. Als die erste Hinrichtung dann aber völlig aus dem Ruder läuft, der Delinquent, ein Axtmörder aus Buffalo, einen langsamen, qualvollen Tod stirbt, wendet sich das Blatt. Erstmal.

Der 1981 geborene Autor Graham Moore, der 2015 für sein Drehbuch des Films „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ einen Oskar bekam, erzählt diese Geschichte geradlinig. Er heftet sich dafür an die Fersen des Anwalts Paul Cravath, folgt ihm durch die Labore besessener Ingenieure, durch die feinen New Yorker Salons, durch die Straßen einer Stadt, in der gerade die flackernden Kohlengas-Laternen durch elektrische Leuchten ersetzt werden. Es ist eine Zeit der großen Erfindungen, wobei die Erzeugung und Bändigung von Elektrizität eine besondere Rolle einnimmt, bringt sie doch radikale Veränderungen mit sich.

An dem Tag, an dem Edison seine Entdeckung verkündete, fielen die Aktienkurse aller großen Gaskonzerne in den Vereinigten Staaten und Großbritannien um mehr als zwanzig Prozent. Die Wissenschaft war weniger beeindruckt: Das sei unmöglich, behauptete sie. Gleichstrom so stetig durch einen Glühfaden laufen zu lassen, dass ein sanftes, konstant brennendes Leuchten erzeugt werde, sei undenkbar. Elektrizität sei eine Naturgewalt, die Bändigung des elektrischen Stroms vergleichbar mit dem Reisen durch die Zeit. Es gebe Dinge auf dieser Welt, an denen noch nicht einmal die Naturwissenschaft herumdoktern dürfe. Edisons „sanftes Leuchten“ verstieße gegen sämtliche anerkannte Gesetze der Physik.

Die Hauptfiguren in Graham Moores Roman haben tatsächlich gelebt, viele der geschilderten Begebenheiten haben sich so oder so ähnlich zugetragen. Moore hat das gut recherchiert, wo nötig gestrafft und aufpoliert. Und doch weiß dieser Roman nicht so ganz zu überzeugen. Die meisten Figuren bleiben, von ein paar Schrullen abgesehen, doch ziemlich blass. Ähnliches gilt für die Zeit, in der die Geschichte spielt. Moore bekommt sie nicht so recht eingefangen. Da sind ein paar Bilder von Pferdekutschen, von eleganten Dinners, von Zugfahrten über Land. Die einzelnen Szenen funktionieren zwar meist gut, doch fehlt es gelegentlich an Atmosphäre, am präzisen Blick über den Tellerrand auf das Leben außerhalb der Edison-Westinghouse-Blase.

Moore erzählt sehr filmisch. Man kann sich die Geschichte schon beim Lesen bestens auf der Leinwand vorstellen. Und genau das ist ein Problem. Es wirkt schon in Buchform alles zu hollywoodesk, zu glatt, als dass es einen wirklich packen könnte. Moore hat durchaus Witz, weiß seine Geschichte intelligent und in knappen Kapiteln zu inszenieren. Und doch ist das Ganze viel zu brav, hat sein Roman diese Plüschigkeit des Doku-Dramas, das vorneweg verkündet: Die folgende Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Man schaut dem Stromkrieg beim Gedeihen zu, ist einigermaßen gespannt, wie sie diesen Patentstreit wohl auflösen werden, und wartet auf das obligatorische Happy End – das tatsächlich kommt. Wer also das Mainstreamkino und seine epischen Geschichten mag, Geschichten, die unanstrengend spannend sind und verlässlich gut ausgehen, wer etwas über die Erfindung der Glühbirne erfahren und sich dabei locker unterhalten lassen will, während er oder sie eine Jumbopackung Popcorn weg knabbert, liegt mit diesem Roman goldrichtig.

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht. Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann. Eichborn-Verlag, 463 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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