Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

 

Es war ein spektakulärer Raub. Im Dezember 1978 wurden auf dem John F. Kennedy-Flughafen in New York über 5 Millionen Dollar Bargeld und Juwelen im Wert von über 800 000 Dollar aus dem Frachtbereich der Lufthansa gestohlen. Der so genannte Lufthansa-Raub wurde nie aufgeklärt. Bis heute ist nichts von der Beute aufgetaucht. Zwar hatte das FBI einen Verdacht, doch Zeugen gab es keine, weil jene, die dabei waren, später umgebracht wurden. Diese reale Geschichte nahm sich unter anderem Martin Scorsese in seinem Film „Good Fellas“ vor und sie liefert auch den Hintergrund zu Wallace Strobys rasantem Gangsterroman „Geld ist nicht genug“, der knapp 40 Jahre nach dem Raub, in der Gegenwart spielt.

Ein New Yorker Mafiaboss soll den Raub seinerzeit eingefädelt und die Beute an einem sicheren Ort versteckt haben. Heißt es. Ob das wirklich stimmt, weiß niemand. Doch als der alte Gangster stirbt, beginnt bei Wallace Stroby die Jagd auf das Geld. Auch Crissa Stone ist mit von der Partie. So heißt Strobys toughe Protagonistin, der er bisher vier Romane widmete. „Geld ist nicht genug“ ist der zweite in der Reihe.

Crissa ist eine Berufsdiebin, die sich nicht mit Kleinkram abgibt. Gleich in der ersten Szene reißt sie mit einem Schaufellader einen einsamen Geldautomaten aus seiner Verankerung. Deutlich leichter verdientes Geld verspricht die verschollene Beute aus dem Lufthansa-Raub, auf die sie ein alter Bekannter aufmerksam macht. Er bringt sie auch mit einem Mann namens Benny Roth zusammen. Benny war in den späten 1970ern am Rande in die Vorbereitungen des Lufthansa-Coups involviert, ging anschließend ins Zeugenschutzprogramm und führte später ein ruhiges Leben auf dem Land. Damit ist es vorbei, als ein paar schwere Jungs aus New York bei ihm auftauchen, weil sie glauben, er wüsste, wo die Beute abgeblieben ist. Benny hat zwar nur eine vage Idee, wo das Geld sein könnte, beschließt aber, es sich lieber selbst zu holen. Er und Crissa Stone werden also vorübergehend zu Komplizen – mit ein paar gefährlichen Typen dicht auf den Fersen. Doch auch die Ex-Frau des Mafiosos plant bereits mit dem Geld, und ihr Freund gehört zu einer üblen Rockergang.

Der ehemalige Polizeireporter Wallace Stroby hat da eine druckvolle und dynamische Gangstergeschichte mit einer Protagonistin geschrieben, die einige Vorläufer in der Kriminalliteratur hat. So erfand Donald Westlake in den 1960er Jahren einen Berufskriminellen namens Parker. Diese Figur hatte großen Einfluss und inspirierte etwa den australischen Autor Garry Disher zu seinem Profidieb Wyatt, dem er seit 1991 acht Romane widmete. In diese Reihe gehört auch Crissa Stone. Sie ist, ähnlich wie Wyatt, keine Draufgängerin, sondern agiert planvoll und umsichtig, hat zudem einen moralischen Kompass. So befreit sie in dieser Geschichte ihren Kompagnon Benny gleich zwei Mal aus einer Zwangslage, obwohl sie ihm nicht traut und beide Aktionen mit hohem Risiko verbunden sind. Und nebenbei bemüht sie sich, ihren inhaftierten Freund mit legalen Mitteln aus dem Gefängnis zu bekommen. Bis dahin geht Crissa allenfalls kurzzeitige Zweckbündnisse ein, langjährige Vertraute hat sie nur wenige, und Gewalt ist für sie allerletztes Mittel. Dabei ist sie wehrhaft und in diesem Fall bleiben gleich etliche Gangster auf der Strecke.

Der 1960 geborene Stroby schreibt mit bösem Witz, pfeilgerade, in schlanken Sätzen und hohem Tempo. Er hält sich nicht mit langatmigen Beschreibungen und Psychologisierungen auf, sondern charakterisiert seine Figuren durch ihr Tun. Und das ist längst nicht immer heiter, cool und gelassen, sondern gelegentlich ziemlich zupackend. Eine starke Frauenfigur hat Wallace Stroby da ersonnen, eine Diebin, die gern Diebe bestiehlt. Im ersten Band erleichtert sie eine kriminelle Pokerrunde um die Einsätze, hier hat sie es auf die verschollene Beute aus einem Raub abgesehen. Alf Mayer hat in seiner Übersetzung auch diesem Roman zum passend lakonischen Ton verholfen. Das ist richtig gute Unterhaltung.

Wallace Stroby: Geld ist nicht genug. Aus dem Englischen von Alf Mayer. Pendragon-Verlag, 336 Seiten, 17 Euro.

(c) Frank Rumpel

gesendet auf SWR 2

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