Kanae Minato: Geständnisse

 

Gestaendnisse von Kanae Minato

In ihrer Heimat Japan landete Kanae Minato mit ihrem Debüt „Geständnisse“ 2008 einen Bestseller. 3,5 Millionen Exemplare verkaufte sie allein dort. Der Roman wurde von Tetsuya Nakashima verfilmt und lief 2011 auch hier in den Kinos, weshalb manchem die Geschichte bekannt vorkommen mag.

Zwei Jugendliche ermorden an ihrer Schule die kleine Tochter einer Lehrerin. Der eine Täter, ein hoch intelligenter Sonderling, hat eine Geldbörse entwickelt, die, sobald man ihren Reißverschluss berührt, Stromstöße verteilt. Die geben sie dem Kind in die Hand, das daraufhin ohnmächtig wird. Der zweite Junge zerrt sie ins nahe Schwimmbecken. Dort ertrinkt das Mädchen. Diese Version der Geschichte erzählt jene Lehrerin, die ihre Tochter verloren hat, ihren Schülern am letzten Schultag, bevor sie den Dienst quittiert. Sie kennt die Täter und offenbart ihnen, dass sie soeben von ihr mit HIV-kontaminierten Blut präparierte Milch getrunken haben.

In den folgenden Kapiteln lässt die 1973 geborene Minato, die etliche Jahre selbst als Lehrerin arbeitete, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete, eine Mitschülerin, die Schwester und die Mutter eines der Täter, aber auch die beiden Täter selbst zu Wort kommen, lässt sie ihre Sicht auf das Geschehen schildern. Das ist, wenngleich manches Detail auf den ersten Blick etwas schrill wirken mag, alles sehr subtil erzählt. Minato lässt ihre Charaktere längst nicht nur die Tat selbst rekapitulieren, sondern zeigt, wie es zu dem Mord kam und wie die Täter, aber auch die Schulklasse oder die Mutter des Opfers mit dem Verbrechen umgingen. So geht sie auf interessante Weise den Fragen nach Schuld und Sühne nach, gibt aber auch reichlich Einblicke ins japanische Alltagsleben.

Kanae Minato taucht tief in die Psychen ihrer Protagonisten ein, erzählt kühl und geordnet, grundiert mit bitterbösem Humor. Bei jenen, die da ihren Teil zur Geschichte beitragen, gibt es keine Gewinner. Überall tun sich Abgründe auf, offenbaren sich reichlich schräge Verhältnisse zur Realität. Mancher mag auf den ersten Blick ganz vernünftig erscheinen, entpuppt sich dann aber als höchst unzuverlässiger Beobachter und Erzähler. Und mit jedem bekommt die Geschichte einen neuen Dreh. Klasse.

Kanae Minato: Geständnisse. (Original: Kokuhaku. Tokyo, 2008). Roman. Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann. C. Bertelsmann, 270 Seiten, 16,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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