Jerome Charyn: Winterwarnung

 

Ein mächtiger, aber zahnloser Tiger ist Isaac Sidel geworden. Der ehemalige Cop des New York Police Departments stieg erst zum Polizeichef auf, dann zum Bürgermeister von New York, schließlich für die Demokraten zum Vizepräsidenten der USA. Als der Präsident eines Skandals wegen abtreten musste, rückte Sidel nach. So endete „Unter dem Auge Gottes“, der elfte Band der Reihe – und damit wollte es der heute 79-jährige New Yorker Autor Jerome Charyn eigentlich bewenden lassen, war er doch über 40 Jahre hinweg immer wieder zu dieser schwer zu packenden Figur Isaac Sidel und dessen New York zurückgekehrt. Doch jetzt ist mit „Winterwarnung“ ein zwölfter Band hinzugekommen.

Der Jude Sidel wuchs, wie der Sohn jüdischer Einwanderer Jerome Charyn selbst, in armen Verhältnissen in der Bronx auf. Sidel wurde Polizist und handelte von Beginn an nach eigenen Regeln. Er paktierte mit der Mafia, räumte Leute aus dem Weg. Und je mehr Sidel mordete, desto höher stieg er in der Hierarchie auf. Sidel hat begriffen, dass Kriminalität ein immanenter Teil der Gesellschaft ist. Doch hat er nicht nur diese dunkle Seite. Er ist auch ein literarisch beschlagener Schöngeist, und er verfolgt ein soziales Programm. Als Bürgermeister entzog er den Immobilienhaien städtisches Bauland und stieß Bildungsprogramme für benachteiligte Kinder und Jugendliche an. Die Leute liebten ihren Law-and-Order-Bürgermeister, der seine Waffe, eine Glock, stets bei sich trägt, und hievten ihn mit ihren Stimmen ins Weiße Haus. Als Präsident nun will Sidel im Roman „Winterwarnung“ als erstes die Armut abschaffen – und erntet von seinen Beratern nur ein belustigtes Hüsteln. Schließlich, heißt es, seien es nicht die Armen und Unterdrückten gewesen, die ihn ins Amt befördert hätten.

Es ist das Jahr 1989, die politische Welt ist im Umbruch und Isaac Sidel als US-Präsident melancholisch und wie gelähmt von den verschachtelten Strukturen und langwierigen Entscheidungsabläufen in Washington. Der impulsive Sidel ist weder an Geld, noch an Macht interessiert, schlappt in alten Pantoffeln und Klamotten aus der Kleiderkiste, die Glock in den Hosenbund geklemmt, durch die Flure des Weißen Hauses – und all das macht ihn schwer kontrollierbar. Seine eigene Partei würde ihn am liebsten loswerden, einige seiner Berater treiben eine Intrige voran, und einflussreiche Kriminelle haben eine Lotterie auf seinen Tod ausgelobt. Während Sidel herauszufinden versucht, wer darin verwickelt ist, entgeht er nur knapp zwei Anschlägen. Verbündete hat er nur wenige. Dazu gehört ein alter Jude namens Ariel Moss, den Charyn dem historischen Menachem Begin nachempfunden hat. Der war Anführer einer zionistischen Untergrundbewegung, wurde nach der Staatsgründung Israels Premierminister und handelte in Camp David, dem Rückzugsort der US-amerikanischen Präsidenten, den Friedensvertrag mit Ägypten aus. Und das ist längst nicht die einzige historische Spur. So fühlt sich Sidel etwa von seinem Vorgänger Abraham Lincoln verfolgt – über den Charyn auch schon geschrieben hat. Und es gibt jede Menge aktuelle Bezüge, wobei jene zum amtierenden Präsidenten Donald Trump eher Zufall sind, denn seinen Roman schloss Charyn lange vor dessen Kandidatur ab.

Wer herkömmliche Krimis mag, in denen zu Beginn ein Toter anfällt und eine Ermittlung die heile Welt wieder herstellt, wird an Charyns Sidel-Romanen keine Freude haben. Denn das sind sperrige, ausufernde, mit der entscheidenden Prise Irrsinn gewürzte Geschichten von einer chaotischen, stets etwas surreal wirkenden Welt, die sich mit jeder Faser gegen eine schnelle, inhaltliche Zusammenfassung sträuben. Seine Sidel-Romane sind erfrischend halluzinatorische Erkundungen der Realität, voll großartig unwahrscheinlicher Figuren und Szenen. Die sind freilich nie beliebig, sondern stets klarsichtig, anspielungsreich und weiträumig vernetzt gedacht. „Winterwarnung“ ist der fulminante Abschluss der gerade vom Diaphanes-Verlag neu aufgelegten Sidel-Saga – die ihresgleichen sucht. Sie macht Jerome Charyn zu einem der wichtigsten Kriminalautoren unserer Zeit.

Jerome Charyn: Winterwarnung. Aus dem Englischen von Sabine Schulz. Diaphanes Verlag, 327 Seiten, 24,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht auf SWR 2

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