Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Eine kurze Geschichte von sieben Morden von Marlon James

Es ist ein gewaltiger Roman, Marlon James „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“. Geworfen wäre das 850-Seiten-Opus wohl tödlich. Viel besser ist da: Lesen. Denn Marlon James erzählt in dem mit dem renommierten Booker-Prize ausgezeichneten Roman eine so komplexe, wie ausufernde Geschichte, die 14 Jahre überspannt, auf Jamaika und in den USA spielt, in der es um Politik, Polizeiwillkür und Kriminelle, um Musik und Gewalt geht, in der 76 unsympathische Figuren auftreten, von denen längst nicht alle am Leben sind – was sie nicht davon abhält, seitenweise zu räsonieren.

Jamaika, 1976: In der Inselhauptstadt Kingston tobt ein heftiger Krieg zwischen zwei Vorstadtgangs, die auch politisch unterschiedlichen Lagern angehören. Die einen stehen der regierenden People’s National Party nahe, die der Karibikinsel einen Demokratischen Sozialismus verordnet hat. Die anderen fühlen sich der Jamaika Labour Party verbunden, die das Land ganz im Sinne der USA mitten im Kalten Krieg wieder auf Westkurs bringen will. Die Wahlen stehen bevor und die Regierung hat ein Friedenskonzert organisiert, bei dem auch der einflussreiche, mit der Regierungspolitik sympathisierende Reaggeamusiker Bob Marley auftreten soll. Um das Konzert zu verhindern und die PNP zu diskreditieren unterstützt die CIA einen Mordanschlag auf den Sänger. Drei Tage vor dem Konzert stürmen Maskierte in dessen Haus. Seine Frau Rita und sein Manager werden schwer verletzt, er selbst hingegen kommt mit ein paar Schrammen davon – und kann auf dem Friedenskonzert spielen.

Das historische Attentat auf den Musiker steht im Zentrum des Romans. Einen Tag vor dem Anschlag klinkt sich Marlon James ins Leben diverser fiktiver Protagonisten ein, darunter einige der Attentäter, die in den folgenden Jahren ermordet werden, Marleys Frau Rita, der Leiter des CIA-Büros in Jamaika, der sich vor allem mit privaten Problemen herumzuschlagen hat und ein Reporter des Rolling Stone. Kapitelweise lässt er sie zu Wort kommen, lässt sie Ereignisse und Beziehungen aus verschiedenen Blickwinkeln erkunden. Er folgt ihnen auch in den folgenden Jahren und bringt neue Charaktere ins Spiel. So lässt etwa der Attentäter nach dem Anschlag die Vorstadtgangs hinter sich und baut eine Organisation auf, mit der er in die USA expandiert und dort im großen Stil Kokain aus Kolumbien verkauft. Oder er lässt Ritas Schwester Kim auftreten. Sie, die 1976 Zeugin des Überfalls war und den Täter erkannte, versucht mit allen Mitteln in die USA zu kommen. 1985 lebt sie illegal unter falschem Namen in New York und schlägt sich als Krankenschwester durch. Zu ihrer Familie in Jamaika hat sie aus Angst vor dem Marley-Attentäter keinerlei Kontakt. Erst 1991, als sie von dessen Tod erfährt, traut sie sich, ihre Schwester Rita anzurufen.

Marley selbst wird im Roman übrigens nur „Der Sänger“ genannt und er tritt in einer einzigen Szene tatsächlich auf – sagt aber nichts. Es ist eben kein Roman über Marley, sondern ein Roman über Jamaika und die Schockwellen, die dieser Mordanschlag auf die Ikone Marley 1976 auslöste.

Der 46-jährige Marlon James gibt 15 seiner Figuren – denen man mit Hilfe eines Personenverzeichnisses problemlos auf der Spur bleiben kann – eine eigene Stimme, lässt sie mit viel Slang und Rhythmus erzählen, wie sie sich durchs Leben schlagen. Er geht nah ran, taucht tief ein, beschreibt gnadenlos. Das ist in den vielen Details brutal, absurd, gelegentlich anstrengend. Es ist ein vielstimmiger Chor verlorener Seelen, die da vom schwierigen Leben in Kingston erzählen. Vieles ist bis heute aktuell, die Kriminalitätsrate ist hoch, die Korruption blüht. Und die Homophobie von damals ist nach wie vor ein Thema. So lebt der bekennende Schwule Marlon James aus Angst vor Gewalt seit Jahren in den USA. Mit „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist ihm ein monumentaler Roman gelungen, ein radikales Meisterstück, das einem banalen Jamaika-Mythos keinerlei Platz gibt und mit Sicherheit einer der grandiosesten Kriminalromane des Jahres ist.

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden. Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze. Heyne-Verlag, 858 Seiten, 27,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

In etwas knapperer Form veröffentlicht auf SWR 2

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