Liza Cody: Miss Terry

 

1219xIm Titel steckt bereits alles. Miss Terry nennen jene die Protagonistin, die sich erst gar nicht die Mühe machen, genau hinzusehen. Denn Liza Codys fein gezeichnete Protagonistin heißt Nita Tehry, mit „h“ und nur einem „r“. Und allein mit diesem Namensspiel macht die britische Autorin in ihrem Roman klar, wie es die einzelnen Figuren mit dem vermeintlich Fremden halten.

Nita Tehrys Familie hat pakistanische Wurzeln, doch geboren wurde sie im britischen Leicester. Die junge Frau ist vor ihrem gewalttätigen Verlobten und ihrem nicht weniger brutalen Vater und dessen reaktionärem Frauenbild nach London geflohen. Dort arbeitet sie als Grundschullehrerin und lebt in einer ruhigen Gegend. Doch als in einem Bauschuttcontainer in der Nachbarschaft ein totes Baby gefunden wird, richten sich plötzlich alle Augen auf sie. Denn das Baby hat dunkle Hautfarbe und Nita war korpulent, als sie vor neun Monaten in die Gegend zog. Inzwischen hat sie sich mit eiserner Disziplin auf ihr Wunschgewicht gehungert. Für viele Außenstehende ist der Fall klar – auch für die Polizei. Die Beamten halten sie für eine kriminelle Immigrantin. Der Fall zieht Kreise, wird öffentlich. Ihr Chef suspendiert sie, um, wie er sagt, den Ruf der Schule zu schützen. Und Nita vertraut sich und ihr Erspartes nicht etwa einem Anwalt, sondern einem windigen Betrüger an, der sich als Privatdetektiv ausgibt.

Die 1944 als Liza Nassim geborene Autorin, die selbst indisch-kanadische Wurzeln hat, studierte an der Londoner Kunstakademie und veröffentlichte 1980 ihren ersten Kriminalroman unter dem Namen Liza Cody. Sie hat ein literarisches Faible für Underdogs. Drei Romane widmete sie etwa der Catcherin Eva Wylie, einer großherzigen Dampfwalze mit lockerem Mundwerk, die im Wohnwagen auf einem Schrottplatz lebt. In „Lady Bag“ erzählte Cody aus Sicht einer Londoner Obdachlosen. In „Miss Terry“ nun rückt sie ganz nah an die dunkelhäutige, kreuzbrave und naive Nita Tehry heran, deren britischer Pass plötzlich nichts mehr zu gelten scheint. Da werden schlagartig rassistische Ressentiments und die Grenzen einer multikulturellen Gesellschaft sichtbar. Denn der Verdacht scheint bei vielen zu bestätigen, was sie ohnehin annahmen, und selbst Leute, die Nita bisher wohl gesonnen waren, zweifeln plötzlich an ihrer Integrität. Das wiederum setzt der so disziplinierten und willensstarken Nita zu, nagt an ihrem Selbstbewusstsein, macht sie unsicher und angreifbar.

Cody hält dabei schön die Balance, macht das Ganze nicht zu einem Rührstück, wenngleich da freilich so einiges zusammen kommt. Doch sie hat eine gewiefte Erzählhaltung entwickelt, die komisch ist, ohne das ernste Thema zu unterlaufen, die empathisch ist, ohne schnulzig zu werden. Zudem weiß Cody, wie man wendungsreich und spannend erzählt, ohne dabei an Eleganz und Vielschichtigkeit einzubüßen. So zeichnet sie ihre Protagonistin längst nicht nur als Opfer. Gegenüber der Polizei bezichtigt Nita einen Nachbarn, der sie bedrängte, des Mordes an einer Frau. Eine ebenso haltlose Anschuldigung, wie jene gegen sie selbst. Zudem agiert Nita ungeschickt, verweigert einen DNA-Abgleich, der sie entlasten könnte, weil sie das Gefühl hat, die Polizistin, die ihn einfordert, habe ihr Urteil längst gefällt. Doch erfährt Nita auch Zuspruch. Eine Nachbarin und eine Kollegin wenden sich ihr zu. Und auch Nitas Familie ist gespalten: Die einen stehen zu ihr, die andern wollen sie umbringen.

Die 72-jährige Liza Cody ist eine Chronistin menschlicher Unzulänglichkeiten, von denen sie mal warmherzig, mal mit bissig-heiterem Humor erzählt. Stets wirft sie dabei einen sehr präzisen Blick auf die Lebensverhältnisse ihrer Figuren. Das gilt auch für diesen im Original bereits 2012 erschienenen Roman, in dem die Britin Nita Tehri feststellen muss, dass Dummheit und Vorurteile stark genug sind, einen Menschen ins gesellschaftliche Abseits zu drängen. Ein Roman, der perfekt in unsere populistisch aufgeheizte Zeit passt.

Liza Cody: Miss Terry. Aus dem Englischen von Martin Grundmann und Else Laudan. Argument-Verlag, 286 Seiten, 17 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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