Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel

diehimmlischetafel_l_7882f624b72df51e3151a2965d3567d6Ein besseres Leben. Das ist, was die drei Jewett-Brüder wollen. Zusammen mit ihrem Vater schuften sie im US-amerikanischen Georgia auf den Feldern eines Großgrundbesitzers, hausen in einer armseligen Hütte und ernähren sich vom Fleisch eines verendeten Schweins. Der gewalttätige Vater ist fanatisch religiös und davon überzeugt, dass sich jeder Gläubige nach seinem Tod an der himmlischen Tafel laben könne. Die Brüder lenken ihre Gedanken derweil lieber auf Bloody Bill Bucket, Bandit aus Bürgerkriegszeiten und Held eines Groschenromans, aus dem Cane, der mit 23 Jahren älteste Jewett, seinen beiden jüngeren Brüdern heimlich vorliest.

Als der Vater im Jahr 1917 stirbt, machen sich die Brüder auf gestohlenen Pferden und schwer bewaffnet davon, um sich die Freuden der himmlischen Tafel bereits zu Lebzeiten zu holen. Gesetzlose wollen sie werden, wie ihr Idol Bloody Bill. Raubend und mordend ziehen sie durch Georgia. Was zunächst nach einem neuen, einfachen Leben aussieht, entpuppt sich bald als dessen Gegenteil. Nachdem eine Belohnung auf die Bande ausgesetzt ist, machen sich Kopfgeldjäger auf den Weg, meist Farmer, die ihre Chance wittern und nicht weniger willkürlich und brutal vorgehen als diejenigen, nach denen sie suchen. Bald wird den Jewetts klar, dass sie es ohne eines dieser neuartigen Automobile wohl nicht schaffen werden.

Donald Ray Pollock fängt diese Umbruchzeit facettenreich ein. Die Jewetts hängen noch den Klischees des Wilden Westens nach, während vielerorts längst der Fortschritt Einzug hält, sich Autos zu den Pferdekutschen auf den Straßen gesellen und Banditen schon mal vom Flugzeug aus gejagt werden. Zudem versammelt Pollock eine ganze Riege grotesker Gestalten, die den Weg der Jewetts kreuzen. Dazu zählt ein gutherziges, aber einfältiges Farmer-Ehepaar, das sein Vermögen an einen Betrüger und den Sohn an den Alkohol verloren hat. Der etwas zurückgebliebene Cob Jewett freundet sich mit einem Plumpsklo-Inspekteur an, der die Stadtbewohner und ihre Ausscheidungen, dazu ihre Gewohnheiten und Laster, bestens kennt. Und mit ihm erzählt Pollock auch von den grausigen Hygienestandards jener Zeit. Der 17-jährige Chimney Jewett nähert sich zum ersten Mal einer Frau, einer Prostituierten – in die er sich prompt verliebt. Ein schwuler Lieutenant im nahen Armeecamp fiebert seinem Kriegseinsatz in Europa entgegen. Der Betreiber einer Spelunke entpuppt sich als Serienmörder.Ein schwarzer Gigolo, der sich bisher von reichen Frauen aushalten ließ, lernt innerhalb weniger Tage, wie das Leben und Sterben ganz unten ist. Und das ist nur ein kleiner Teil von Pollocks Figurenensemble, dessen teils tragische Geschichten er in kurzen, pointierten Kapiteln souverän zu einem düsteren, brutalen, aber auch bitter komischen Roman verknüpft.

Der 62-jährige Pollock kam spät zum Schreiben. Als 17-jähriger fing er in einer Fleischfabrik an und arbeitete anschließend als Fahrer für eine Papiermühle. In seinen späten Dreißigern holte er an der Abendschule seinen Abschluss nach und studierte an der Ohio State University. „Knockemstiff“ hieß sein Debüt, ein furioser Erzählband, und auch mit seinem ersten Roman „Das Handwerk des Teufels“ konnte Pollock überzeugen. „Die himmlische Tafel“ nun ist ebenso präzise und scharfkantig wie der Vorgänger-Roman, dabei aber trotz handfester, zupackender Details weit feingliedriger und nuancenreicher. Eine Feelgood-Geschichte darf man von Pollock nicht erwarten. „Ich habe die Welt immer als einen harten, gewalttätigen und unfairen Ort gesehen und das scheint in meinem Schreiben durch“, sagte er in einem Interview.

Pollock ist seinen Figuren stets zugewandt, ist nie zynisch und deshalb auch in der Lage, sie differenziert zu zeichnen. Das wiederum eröffnet ihm Raum für die eine oder andere sacht hoffnungsvolle Geschichte von kleinem Glück. Jenseits davon analysiert er in glasklarer Prosa eine bigotte, rassistische Gesellschaft, erzählt von Gestank, von Niedertracht, von Obsessionen und dem Hang zu Gewalt an der Schwelle zu einer neuen Epoche, die die alte Zeit noch immer in sich eingebettet trägt. Großartig.

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind-Verlag, 431 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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