Nausicaa Marbe: Schmiergeld

 

978-3-8479-0613-1-marbe-schmiergeld-orgDreiste Immobiliendeals, gefakte Ausschreibungen, gekaufte Journalisten – die niederländische Kleinstadt Haarlem, westlich von Amsterdam ist ein einziger Sumpf, zumindest in Nausicaa Marbes bösem Roman „Schmiergeld“, mit dem die 1963 in Rumänien geborene Autorin voriges Jahr die „Diamanten Kogel“ für den besten niederländischen Thriller holte. Den korrupten Machenschaften der Verwaltungsspitze kommt zufällig der Stadtarchitekt Job van Emmerik auf die Spur – und verliert prompt seinen Job. Eine neue Arbeit ist in der sich 2008 abzeichnenden Wirtschaftskrise nicht in Sicht. Da zählt auch Jobs guter Ruf als Architekt und Stadtentwickler: nichts. Das Geld wird knapp. Die Familie muss auf einige kostspielige Gewohnheiten verzichten, weshalb Jobs Frau damit beginnt, den eigenen Hausrat zu verkaufen. Eine neue Nachbarin hilft mit großzügigen Zuwendungen aus. Job kennt sie nur zu gut. Sie ist die Tochter eines vor allem in Osteuropa aktiven Immobilienhais, der geschäftlich auch mit der Haarlemer Stadtspitze zu tun hat. Mit der Frau hatte Job ein halbes Jahr lang ein Verhältnis, das er abrupt beendete. Nun ist sie ganz in seine Nähe gezogen und drängt sich in seine Familie.

Nausicaa Marbe, die wöchentliche Kolumnen für zwei niederländische Zeitungen schreibt, dazu Sachbücher und nun mit „Schmiergeld“ ihren zweiten Roman veröffentlicht hat, lässt ihren Ich-Erzähler Job innig mit seinem neuen Leben hadern, mit seinen Werten und Gewissheiten, die da allmählich bröckeln. Marbe untergräbt nach und nach dessen hohe Meinung von sich selbst, moralisch doch mindestens solide und jenen bei weitem überlegen zu sein, die da schnödem Mammon wegen ihre Integrität aufgeben. Doch dann muss er plötzlich nochmals sehr intensiv über seine Affäre nachdenken, muss staunend zusehen, wie sich seine eigene Familie nur zu gern kaufen lässt und feststellen, dass der korrupten Stadtspitze mit legalen Mitteln wohl nicht beizukommen ist. Geschickt drängt Marbe ihre Figur immer tiefer in eine Zwickmühle aus Zweifeln und Schuldgefühlen, aus der sie sich schließlich nur noch gewaltsam befreien zu können glaubt. Das ist alles sehr fein beobachtet, schlüssig und mit Witz erzählt, wenngleich Marbe bisweilen allzu weit ausholt und eine Spur zu dick aufträgt, um dieser bürgerlichen Doppelmoral zu Leibe zu rücken.

Nausicaa Marbe: Schmiergeld. Roman. (Original: Smeergeld, 2014). Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Eichborn-Verlag, 432 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen auf www.culturmag.de

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