Patrick McGinley: Bogmail

Steidl_Bogmail_Cover.inddGeballtes Wissen fällt in Patrick McGinleys Debüt „Bogmail“ einen Mann. Nicht ausversehen, sondern ganz und gar absichtlich. Mit Band 25 der Enzyclopaedia Britannica schlägt der Kneipenbesitzer Roarty seinem lästigen Barkeeper den Schädel ein und verscharrt dessen Leiche im irischen Moor. Dabei war der Mann vor allem Opfer einer fixen Idee. Roarty fand, er sei ein böser Mensch und müsse weg. Ist die wohl geplante Tat zunächst eine Befreiung, wird sie bald zur Last. Bogmailer (eine Zusammensetzung aus bog für Moor und Blackmailer, also Erpresser) nennt sich der Briefschreiber, der Geld von Roarty fordert und diese Forderung unterstreicht, indem er dem Dorfpolizisten einen Fuß des Opfers schickt. Roarty ist sich sicher, den Bogmailer unter seinen Gästen zu finden. Im Verdacht hat er einen zugezogenen Engländer.

Den Mikrokosmos eines Dorfes in der im Nordwesten gelegenen irischen Grafschaft Donegal fängt der 1937 geborene Patrick McGinley (nicht zu verwechseln mit dem deutschen Autor gleichen Namens) mit spitzer Feder ein. Im Zentrum stehen dabei jene, die sich an Roartys Tresen tummeln, etwa ein Polizist, der sich jeden Morgen bei einem Pint Black and Tan über seine kriminalistische Intuition auslässt, ein Engländer, der für ein Londoner Bergbauunternehmen arbeitet und sich langsam ins Kneipengefüge trinkt, oder ein Dorfintellektueller, dessen Berichte für den Donegal Dispatch allenfalls lose an die Realität anknüpfen. Während dort also ordentlich was weggekippt wird, entspinnen sich großartig belanglose Gespräche über die Schnepfenjagd, Regenwürmer, die weibliche Sexualität, es bahnen sich Intrigen an und der mit seinem Verbrechen hadernde Roarty hört genau hin, um so vielleicht seinen Erpresser auszumachen. Und es gibt weitere Verwicklungen, die für Unruhe im engen Dorfgeflecht sorgen.

Als pornografisch und beleidigend für die Dorfbevölkerung wurde das Buch bei seinem Erscheinen 1978 gebrandmarkt. Es ist weder das eine, noch das andere. McGinley weiß um die zahlreichen Spielarten menschlicher Niedertracht und hat eine diebische Freude daran, das vermeintliche Dorfidyll samt den Mechanismen, nach denen das Zusammenleben funktioniert, mit wildem Humor in präziser Prosa und kunstvoll gedrechselten Dialogen zu zerlegen – und es anschließend wieder zusammenzufügen. Schön, dass man das jetzt auch in einer guten Übersetzung nachlesen kann.

Patrick McGinley: Bogmail. Roman. (Original: Bogmail, London, 1978, Neuauflage: Dublin, 2013). Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl-Verlag, 343 Seiten, 24 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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