Max Bronski: Der Pygmäe von Obergiesing

9783956141249Den Pygmäen von Obergiesing nennen sie Alois Womack, einen so schwarzen, wie urbayrischen Tausendsassa, ein musikalischer Alleinunterhalter, der auch mal kongolesische Tänze aufführt, wobei er vom Kongo so viel Ahnung hat wie Max Bronskis Münchner Antiquitätenhändler Gossec, ein Mann mit nilpferdartiger Stresstoleranz und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Als die Polizei mutmaßlich anlasslos auf der Straße einen Schwarzen kontrolliert, mischt sich Gossec ein und sitzt am Ende einen Tag lang neben Alois Womack im Knast. Die beiden freunden sich an und schon bald hat Gossec Gelegenheit, seinem neuen Kumpel aus der Klemme zu helfen. Denn der liefert die Musik zum Fest einer Immobilienfirma, die da – sozusagen als Paradiesvogel der Branche – mit sozialen Projekten von sich reden macht. Am Morgen nach der Party ist die Assistentin der Geschäftsleitung tot und Womack liegt bewusstlos neben ihr. Höchste Zeit für Gossec nachzuforschen, wobei er sich nebenher einen handfesten Schlagabtausch mit einem Geldeintreiber liefert und zudem ein paar Sozialstunden ableisten muss, was er in der Braustube eines nahen Klosters macht.

Recht ungelenk spürt Gossec nach sechs Jahren Pause in seinem fünften Abenteuer den Imobilienhaien nach, deckt erst unlautere, schließlich kriminelle Geschäftspraktiken auf, denen das Mordopfer vermutlich auf die Schliche gekommen war. Die Geschichte entwickelt sich einigermaßen absehbar, ist aber dennoch jede Minute wert, die man ihr widmet. Denn Bronski, alias Franz-Maria Sonner, hat seinen Erzähler Gossec mit scharfem Blick und feinem Sensorium ausgestattet, was ihn zu erstklassigen Charakterisierungen befähigt. Spielend durchdringt er die Oberfläche und weiß das Vorgefundene in beiläufig gedrechselte, so kenntnisreiche, wie spitzfindige Betrachtungen des Lebens (oder zumindest Teilen davon) zu verwandeln. München ist Gossecs Biotop, das Thema, um das es geht jedoch längst nicht lokal begrenzt. Aber in München trifft Gossec auf so manche endemische Art, wie etwa Alois Womack, der schlichte Erwartungshaltungen und Klischees dermaßen skrupellos bedient, dass er davon bestens leben kann. Das ist wieder mal bissig, pointiert und doch wunderbar entspannt erzählt.

Max Bronski: Der Pygmäe von Obergiesing. Roman. Kunstmann-Verlag, München 2016. 168 Seiten, 15 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.