Friedrich Ani: Nackter Mann, der brennt

42542Ludwig Dragomir ist ein von Hass getriebener. Seit er im süddeutschen Heiligsheim aufgetaucht ist, verschwinden dort alte Männer. Sie werden tot aufgefunden. Es könnten Unfälle gewesen sein. Doch so ganz sicher ist sich die Kommissarin Anna Darko da nicht. Sie hat Ludwig Dragomir in Verdacht, einen Zugezogenen Mitte Fünfzig. Mit den Eltern sei er früher jedes Jahr in Heiligsheim gewesen, kenne den Ort und die Menschen noch von damals, behauptet er.

Derweil verrät der Ich-Erzähler Dragomir schon früh, weshalb er zurückgekommen ist, er, der mit 14 nach Berlin floh, abstürzte, die Unterwelt streifte, einen Plan schmiedete. Er würde jene zur Rechenschaft ziehen, die damals reihenweise Jungen des Dorfes missbraucht, einen gar getötet hatten. Im Ort schauten einige weg, andere sahen tatsächlich nichts, die Opfer, acht-, neunjährige Jungen wurden mit einem System aus Belohnung und Bedrohung ruhig gehalten. Die Täter von damals sind bei Dragomirs Rückkehr alte Männer, respektierte Bürger, die ein Geheimnis teilen und sich gut eingerichtet haben. Einen nach dem anderen zieht Dragomir aus dem Verkehr.

Wie Friedrich Ani seinen Protagonisten vom Dorf aus Kindertagen, von einer verlorenen Jugend, von einem skrupellosen Pädophilenring erzählen lässt, ist in den Details, den Bildern immer wieder überraschend. Es ist ein Abgrund, der sich in diesem Ludwig Dragonir auftut, einem Geschundenen, dessen Zukunft bereits in jungen Jahren in Trümmern lag und der die bösartigen Kräfte, die da lange nur nach innen wirkten, nach außen richtet. Das ist nun nicht direkt luftiger Gutelaunestoff, sondern ein nachtschwarzes Stück Literatur, das präzise und emphatisch, mit einer gewissen Westernhaftigkeit von einem Opfer erzählt, das zum Täter mutiert. Ani schickt keinen seiner Kommissare los, um das Schicksal dieses Dragomir auszuloten, sondern lässt diesen emotional völlig Deformierten seine Rachegeschichte lieber gleich selbst erzählen. Und das macht der keineswegs forsch, sondern sacht und tastend, getrieben von einer stillen, nicht zu sättigenden Wut, auch gegen sich selbst. Ein ungewöhnlicher Ani-Roman und einer seiner besten.

Friedrich Ani: Nackter Mann, der brennt. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016. 223 Seiten, 20 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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