Ottessa Moshfegh: McGlue

mcglue_l_933231c41899a281518df3b5a4473d31McGlue ist Seemann und schwerer Alkoholiker. Schnaps ist denn auch, was ihn vor allem interessiert. Die Welt, das Leben, andere Menschen gar sind ihm reichlich egal – zumal sein Gedächtnis porös ist. Schuld ist ein Unfall. Er war von einem fahrenden Zug gesprungen und hatte sich dabei einen Schädelbruch zugezogen. Seither klafft ein offener Spalt in seinem Kopf, der nicht heilen will. Das freilich ist nicht das Schlimmste. Auf Sansibar soll er seinen Freund Johnson erstochen haben, der ihm einst das Leben gerettet hatte, als McGlue betrunken im Schnee lag und zu erfrieren drohte. Seither sitzt McGlue in Arrest, zunächst unter Deck eines Schiffes, das von Sansibar nach Tasmanien, durch die Südsee nach Peru, an Feuerland vorbei ins US-amerikanische Salem segelt. Dort soll er vor Gericht gestellt werden.

Ottessa Moshfeghs Romankonzentrat spielt im Jahr 1851. Darin taucht sie ein in die düster brodelnde Gedankenwelt eines Außenseiters von damals. Aufgewachsen in armen Verhältnissen an der US-Ostküste entdeckt McGlue bereits als Kind den Rum – und bleibt ihm treu. Mit Frauen hat er seine Probleme, zwingt sich gelegentlich zu schnellen Begegnungen in Bordellen. Die allerdings enden stets desaströs und dienen vor allem dazu, in den protzenden Männergesellschaften der Saloons bestehen zu können.

Als McGlue dann Johnson kennenlernt und der ihn schließlich als Seemann mit auf ein Schiff schleust, sehen die beiden erstmals die Welt, streifen durch New York, durch Kapstadt, Kalkutta und verlieren sich auf Sansibar. Sie sind sich ähnlich. Johnson ist des Lebens überdrüssig, hasst seinen Vater und meint nun, mit McGlue jemanden gefunden zu haben, der ihn versteht. Ein Missverständnis, denn beide hadern mit ihrer Homosexualität. Zu sehr sind sie in gesellschaftliche Konventionen und Moralvorstellungen gezwängt, versuchen ihre Homosexualität nicht nur vor dem jeweils anderen, sondern auch vor sich selbst zu verbergen.

Die 1981 in Boston geborene, heute in Los Angeles lebende Ottessa Moshfegh blickt in ihrem Debütroman durch die wässrigen Augen McGlues auf die Welt. Eingepfercht in einen stinkenden, heißen Raum unter Deck eines Schiffes fährt dieser Gefangene um die Welt, ohne sie zu sehen. Ganz sich selbst ausgeliefert, fischt er in seinem kaputten Schädel nach Erinnerungen, die an die Oberfläche seines Denkens schnellen, wie Holzplanken, die sich von einem sinkenden Schiff lösen. Hinzu kommen Zeitungsnotizen und Wahnvorstellungen. McGlue meint, sein Freund Johnson könne jeden Moment zur Tür herein kommen und er, McGlue, müsse nur genug Rum trinken, damit alles wieder ins Lot kommt, damit das Brummen und Krakeelen, der mal dumpfe, mal glashelle Schmerz in seinem maroden Schädel Ruhe gibt. Immer wieder schlägt er ihn gegen die Wand, kratzt sich die Wunde blutig, um sich selbst im Dunst vergangener Tage zu orten.

Ottessa Moshfegh stammt aus einer Musikerfamilie und hat zunächst Erzählungen in Zeitschriften wie „The Paris Review“ veröffentlicht. McGlues Reise zu sich selbst presst sie in einen knappen, im Präsens gehaltenen Monolog. Figuren und Zeitumstände werden da eher skizziert, während Moshfegh einem in kurzen Kapiteln gut ausgeleuchtete Szenen aus McGlues Leben in der Gosse zeigt – kleine, erzählerische Strudel mit schwarzem Schlund. Der Ton ist dabei oft kühl, distanziert, in einigen Traum- und Erinnerungssequenzen hingegen schwebend, phantasievoll, verspielt. Das ist zwar schön zu lesen, will aber nicht so ganz zum rauen Protagonisten passen, der sich da aus Hass auf die Welt dem Ende entgegen säuft. Doch McGlue ist ein Erzähler, der seinen Erinnerungen misstraut und sie dennoch bisweilen genießt, der erst allmählich hinter der Fassade des harten Kerls einen anderen entdeckt. Und das passt dann doch wieder ganz gut zusammen in dieser Geschichte, deren Kraftzentrum der ungeklärte Mord an Johnson ist. Immer tiefer hinab geht es in die zerrüttete Psyche eines Gestrandeten seiner Zeit, der auf dem Weg zum Galgen versucht, Ordnung zu schaffen – Ordnung im reißenden Strom dunkler Bilder eines verpassten Lebens.

Ottessa Moshfegh: McGlue. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind-Verlag, 143 Seiten, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR2

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