Nathan Larson: Zero One Dewey

zero_one_dewey_300-1Gut geht diese Geschichte nicht aus. Aber von einer Dystopie, wie Nathan Larsons Dewey-Decimal-Trilogie eine ist, kann wohl niemand ernsthaft erwarten, dass am Ende ein Liebespaar aus der zerstörten Stadt in den Sonnenuntergang fährt. Denn New York, wo die Romanreihe spielt, liegt zu großen Teilen in Trümmern. Es wurde bei verheerenden Anschlägen am Valentinstag 2014 in Schutt und Asche gelegt. Eine Super-Flu-Epidemie brach aus. Am Ende war nur noch die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung am Leben. Noch immer wabern giftige Dämpfe von verbranntem Plastik durch die Straßen, in denen sich der Müll türmt. Kontrolliert werden die übrig gebliebenen Viertel von rivalisierenden Banden und völlig enthemmt agierenden Paramilitärs.

Und mitten drin ist Dewey Decimal, ein mit Körperimplantaten aufgerüsteter, schwarzer Ex-Soldat, dessen Erinnerungen verschüttet sind. Dewey ist bis an die Zähne bewaffnet und macht für einen machtversessenen und skrupellosen Ex-Senator die Drecksarbeit draußen auf der Straße. Er haust in der New York Public Library, wo er es sich zur Aufgabe gemacht hat, die teilweise zerstörten Bestände zu säubern und neu zu sortieren. Überhaupt ist Decimal, dessen Name auf ein Ordungssystem von Bibliotheken verweist, ein zwanghafter Charakter. Vor 11 Uhr morgens biegt er nur links ab. Aus Furcht vor Bakterien desinfiziert er sich ständig die Hände. Und er legt Wert auf schicke Anzüge.

In den vorangegangenen zwei, bei Diaphanes erschienenen Bänden, „2/14“ und „Boogie-Man“, versuchte Dewey Decimal im gewalttätigen Alltag des zerstörten Big Apple zu überleben und irgendwie seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Bisher erfolglos. Gelegentlich suchen ihn Träume heim, hat er zusammenhangslose Erinnerungs-Flashbacks, die ihn aber nicht wirklich weiter bringen. Er ist körperlich und psychisch schwer lädiert, ist paranoid und hat mit der Wahnvorstellung zu kämpfen, in seinem Inneren riesle Sand. Im aktuellen, beim umtriebigen Hamburger Polar-Verlag erschienenen Band nun soll Dewey Decimal auf ein saudisches Thronfolgerpaar aufpassen, das für ein Fortpflanzungsexperiment nach New York gebracht wurde. Allerdings haben daran längst nicht alle Beteiligten Interesse, so dass diverse Geheimdienste und Privatarmeen zu einer wilden Jagd ansetzen und Dewey allmählich Bedenken kommen. Denn nach und nach ahnt Dewey, was es mit den Anschlägen 2014 auf sich gehabt haben könnte und welche Rolle er selbst dabei spielte – oder spielen sollte. Und klar wird auch, dass er Teil eines zynischen Experiments war, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Das alles lässt der Musiker, Filmkomponist und Autor Nathan Larson seine Figur Dewey Decimal in einem rauen, knappen Ton erzählen, in dem sich das kaputte, chaotische New York spiegelt. Der saloppe Erzählstil freilich passt auch zum angeschlagenen und zudem manipulierten Protagonisten, der von sich selbst sagt: „Langsam, aber sicher zerfalle ich.“ Etwas ziellos, fahrig wirkt die Geschichte zunächst, bevor sie Fahrt aufnimmt, an Kontur gewinnt. Doch erklärt und aufgelöst wird hier längst nicht alles. Einiges deutet Larson nur an und unterläuft so banale Gut-Böse-Erzähl- und Erklärmuster.

Es ist eine düstere, gewaltgesättigte und dennoch bisweilen mit grimmigem Humor gnadenlos überzeichnete, wilde Geschichte, die Larson da erzählt. In seinem New York geben diejenigen den Ton an, die sich eine schlagkräftige Truppe leisten können. Machtinteressen werden mit der Waffe durchgesetzt. Die Straßen sind von Psychopathen bevölkert, derweil die gierigen Strippenzieher mit ihren undurchsichtigen Plänen im Hintergrund bleiben. Es ist die Geschichte einer Welt, die partout nicht im Stande ist, etwas dazu zu lernen. Versuche der Zivilbevölkerung, sich zu organisieren, werden brutal niedergeschlagen. Die zerstörte Stadt ist eine den Geheimdiensten und Geschäftemachern ausgelieferte Spielwiese. Da muss ausgerechnet ein Killer, wie Dewey Decimal einer ist, sein Gewissen entdecken, um das Problem anzugehen. Auf seine Art, versteht sich. Gelegentlich anstrengend, aber gut.

Nathan Larson: Zero One Dewey. Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. Polar-Verlag, 303 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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