Zygmunt Miloszewski: Ein Körnchen Wahrheit

csm_produkt-10002481_dfa4b86a34Legenden können ziemlich hartnäckig sein. Und eine solche Legende spielt in Zygmunt Miloszweskis Roman „Ein Körnchen Wahrheit“ eine zentrale Rolle – nebst der Stadt, in der er diese Geschichte über latenten Antisemitismus angesiedelt hat. Sandomierz ist eine schmucke Kleinstadt an der Weichsel im Südosten Polens, deren Architektur den Krieg fast unbeschadet überstanden hat.

In dieses beschauliche Sandomierz hat sich der Warschauer Staatsanwalt Teodor Szacki nach der Trennung von seiner Frau versetzen lassen. In seinem Fach ist der 40-jährige, scharfsinnige Szacki ein Star. Dies konnte er in der Provinz bisher allerdings nicht zeigen, musste er sich doch vor allem mit Bagatelldelikten herumschlagen. Mit Verve stürzt er sich deshalb in die Ermittlungen zu einem Mordfall. Neben der alten Synagoge wird die ausgeblutete Leiche einer Frau gefunden, die in Sandomierz ihrer Wohltätigkeit wegen beliebt war. Die Tatwaffe ist ein Messer, das jüdische Metzger zum Schächten von Schlachttieren benutzen. Kurz darauf findet jemand die übel zugerichtete Leiche ihres Mannes, eines ambitionierten Kommunalpolitikers. Sein Leichnam steckt in einem mit Nägeln gespickten Fass. Die Medien greifen die Details gerne auf und stellen die Frage, ob das nicht ganz nach jüdischen Ritualmorden aussehe, eine üble Legende, nach der Juden aus dem Blut katholischer Kinder Matze backen, ein ungesäuertes Fladenbrot. Eine solche Szene findet sich ganz real auf einem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Bild in der Kathedrale von Sandomierz. Nach langen Querelen wurde es zunächst verhängt, ist nun aber, ergänzt um eine erläuternde Tafel, wieder zu sehen.

Ein heikles Thema also, das dem Staatsanwalt einiges Kopfzerbrechen bereitet, zumal ihm die Hinweise auf jüdische Metzger und katholischen Aberglauben allzu offensichtlich erscheinen. Ein Indiz deutet auf Täter mit nationalistischem Hintergrund. Wirklich schlüssig ist für Szacki aber keine der Thesen. Das Ritualmordgerücht verbreitet sich dennoch rasant und einige Bürger von Sandomierz äußern ihre antisemitischen Meinungen schließlich ganz offen. So bezieht sich der deutsche Romantitel denn unter anderem auch auf jene wohlfeile Argumentation, derzufolge in jeder Legende doch wohl zumindest ein Körnchen Wahrheit stecke und alle Stereotype doch sicherlich einen gewissen Realitätsgehalt hätten.

Der 40-jährige Autor Zygmunt Miloszewski arbeitete zunächst als Journalist für die polnische Ausgabe des US-amerikanischen Nachrichtenmagazins Newsweek, debütierte mit phantastischer Literatur und hat nun eine Krimi-Trilogie geschrieben, deren zweiter Band „Ein Körnchen Wahrheit“ ist. Jeder dieser drei Romane spielt in einer anderen polnischen Stadt. Nach Warschau im ersten, Sandomierz im zweiten, ist der dritte Band in Olsztyn, im Nordosten Polens, dem ehemaligen Ostpreußen angesiedelt.

In „Ein Körnchen Wahrheit“ widmet sich Miloszewski im Schatten einer grellen Serienmordgeschichte überwunden geglaubten Vorurteilen, die allzu leicht an die Oberfläche sprudeln. Wie aktuell das ist, zeigt sich nicht zuletzt im Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien in ganz Europa. Er habe sich für den Kriminalroman entschieden, weil sich damit viel über eine Gesellschaft erzählen lasse, sagte Miloszewski in einem Interview. Tatsächlich packt er reichlich Alltag und Lokalkolorit zusammen, streift die große Politik nur am Rand. Als Thriller allerdings ist der Roman etwas fad. Serienmordgeschichten sind nunmal samt ihrer blutrünstigen Details so ziemlich das abgenudelteste Moment im Krimigenre, eine simple, x-fach variierte Schablone. Immerhin baut der Autor ein paar überraschende Drehs ein, welche die etwas lang geratene Geschichte deutlich auffrischen. Vor allem aber ist Miloszewski ein gewiefter Erzähler, der die Kunst des pointierten Dialogs ebenso beherrscht, wie er die feinen Risse in der artigen Oberfläche gesellschaftlicher Konventionen mit Leichtigkeit und Witz einzufangen in der Lage ist. Gerade deshalb lässt sich diese Geschichte dann doch mit Gewinn lesen.

Zygmunt Miloszewski: Ein Körnchen Wahrheit. Teodor Szacki ermittelt weiter. Aus dem Polnischen von Barbara Samborska. Berlin-Verlag, 508 Seiten, 10 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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