Ulrich Ritzel: Nadjas Katze

Nadjas Katze von Ulrich Ritzel

Es ist ein Zufallsfund, der in Ulrich Ritzels aktuellem Roman alles ins Rollen bringt. Die ehemalige Gymnasiallehrerin Nadja Schwertfeger stößt in einem Freiburger Antiquariat auf das schmale Büchlein eines fiktiven Paul Anderweg. Dessen Erzählung „Die Nachtwache des Soldaten Pietzsch“ ist in Ritzels Roman eingearbeitet. Sie spielt in einer Nacht Mitte April 1945 während der letzten Kriegstage. In einem sehr genau beschriebenen Dorf auf der Schwäbischen Alb kreuzen sich die Wege einiger Menschen: Der Soldat Pietzsch sitzt dort mit ein paar Männern fest. Ein Parteibonze samt Gefolge kommt auf seiner Flucht vor den anrückenden US-Streitkräften vorbei. In der Mansarde des Schulhauses lebt eine Frau mit ihrem fünfjährigen Sohn. Ein Mädchen näht aus Stoffresten Kuscheltiere. In Anderwegs Erzählung arbeitet sie an einer Stoffkatze – wie Nadja Schwertfeger seit Kindertagen eine besitzt.

Damit meint Nadja möglicherweise einen Hinweis auf ihre Herkunft gefunden zu haben. Denn die 1946 Geborene wuchs als Adoptivkind in Ravensburg auf. Wer ihre leibliche Mutter war, weiß sie nicht. Also beginnt sie nachzuforschen und macht tatsächlich ein Dorf auf der Schwäbischen Alb ausfindig, das auf die Beschreibung in der Geschichte passen könnte. Doch weiter kommt sie nicht, weshalb sie einem Hinweis folgend, den Berliner Privatermittler und Ulmer Ex-Polizisten Hans Berndorf engagiert. Dieser Berndorf stammt aus eben jenem Ort, den Nadja Schwertfeger aufgespürt und das der Autor Ulrich Ritzel wiederum seinem Heimatdorf bei Münsingen nachempfunden hat.

Berndorf muss nicht lange überredet werden. Schließlich erzählt dieser Autor Paul Anderweg von Berndorfs Mutter und ihm selbst, wie sie damals im Schulhaus lebten. Also beginnen der pragmatische Berndorf und seine etwas schmallippige Auftraggeberin ihre Recherchen. Das ist nicht immer einfach. Beide sind sie geborene Einzelgänger und sich überdies nicht wirklich grün. Doch sie setzen Puzzlestück an Puzzlestück, so dass nicht nur das schwäbische Dorf und seine Menschen, sondern auch die größeren Ereignisse dieser letzten Kriegstage immer mehr Tiefenschärfe gewinnen. Und die Ergebnisse sind für beide überraschend, zumal Berndorf auf ein Verbrechen stößt, das im allseitigen Chaos nie geahndet und im Ort 70 Jahre lang verschwiegen wurde.

Der 1940 geborene Ulrich Ritzel arbeitete 35 Jahre lang als Lokaljournalist und Gerichtsreporter, bevor er 1999 mit „Der Schatten des Schwans“ seinen ersten Berndorf-Roman veröffentlichte. Darin verarbeitete er eine Kindheitserinnerung: Ein Tiefflieger hatte im Krieg ein Auto abgeschossen, den Fahrer getötet. Und ein solcher Tieffliegerangriff spielt nun auch in seinem zehnten Berndorf-Roman wieder eine wichtige Rolle. In seinen Texten suche er nach Momenten der Wahrheit, sagte Ritzel einmal, nach Momenten, in denen ein Schicksal sich entscheiden könne. In „Nadjas Katze“ wühlen die Protagonisten die jeweils eigene Vergangenheit auf und stoßen dabei auf Geschichten von Flucht und Vertreibung und auf Überlebensstrategien in unsicheren Zeiten. Entsprechend behutsam geht Ritzel vor, erzählt ruhig und genau, holt, wenn nötig, weit aus, um die Zeitumstände, das Leben damals greifbar zu machen, ohne alles auszubuchstabieren. Gekonnt hält er manches im Schatten, spielt anderes in den Vordergrund und hält als Erzähler stets Distanz, indem er die Ereignisse von damals nur in Gesprächen Berndorfs und seiner Auftraggeberin mit ihren Informanten rekapitulieren lässt.

Ulrich Ritzel hat hier eine raffinierte Geschichte geschrieben, in der er den Abgleich zwischen Fiktion in der Fiktion, also den Geschichten des Paul Anderweg, der fiktiven Realität des Ermittlers Berndorf und den historischen Begebenheiten virtuos inszeniert. Und wie er die Fäden ganz allmählich zusammenzieht, die Geschichte nach und nach verdichtet, das ist, auch wenn da manches etwas zu perfekt ineinander passt, einfach gut gemacht. Eine große Geschichte im Kleinen hat der gewiefte und bereits mehrfach ausgezeichnete Autor Ulrich Ritzel da geschrieben, einen so welthaltigen, wie feinnervigen Kriminalroman der Extraklasse.

Ulrich Ritzel: Nadjas Katze. btb, 442 Seiten, 19,99 Euro

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2.

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