Mark von Schlegell: Venusia

cover-978-3-95757-144-1Irgendwann musste es ja so kommen. Ende des 23. Jahrhunderts existiert keine Erde mehr. Die Menschen haben sich samt ihres Heimatplaneten selbst erledigt – zumindest in Mark von Schlegells Science Fiction-Debüt „Venusia“. Doch bevor die Erde unterging, waren Mitte des 22. Jahrhunderts einige Zehntausend auf die Venus geflüchtet.

Die Siedler fanden eine gut manipulierbare Atmosphäre vor, mildes Klima und ein leichtes Leben. Die Roboterfarmen und -fabriken produzierten Rekordernten. Terrane Bäume wurden gepflanzt, Staatsrituale etabliert, kleine Läden eröffnet. Jedem Siedler wurden vier Kinder gezüchtet und diese dann gemeinschaftlich aufgezogen. Familie, wie man sie früher kannte, hatte man abgeschafft.

In der ersten Besiedlungsphase blühte die Gesellschaft auf. Die Siedler organisierten sich in einem Stadtstaat und richteten eine Art soziale Marktwirtschaft ein. Bücher wurden gedruckt, es entwickelten sich kulturelle Trends. Doch entpuppten sich die Lebensumstände als weitaus schwieriger. So hat die Venus zwar Tage und Nächte, doch wird das Licht von einer dichten Wolkendecke abgeschirmt. Die Venusianer wussten sich zu helfen, schießen seither Löcher in die Wolkendecke, um einen an die Erde erinnernden Tag-Nacht-Rhythmus zu erhalten.

Venusias sieben wie schlanke Pilze in die Höhe ragende Kupfertürme knisterten und entzündeten die blauhaarige Dämmerung des T-Morgens. Es folgte ein langgezogener, hohler Klang, ein metallisches Ausatmen. Entlang des schier endlosen Strandes teilte sich die Wolkendecke. Durch das aufreißende Loch floss unverbrauchtes Licht über die rissigen Dächer und die Schotterwege, dick und golden wie Sirup.

Allerdings dauert die Tag-, wie die Nachtphase ein ganzes irdisches Jahr. Und das schlug zusammen mit besorgniserregenden Nachrichten von der Erde, vielen Kolonisten aufs Gemüt. Hatten die Siedler zunächst noch Funkkontakt zur alten Heimat, wurde dieser immer spärlicher und brach schließlich ganz ab. Sie waren auf sich gestellt und begehrten auf. Die Regierung griff hart durch, wurde totalitär. Sie etablierte eine Geheimpolizei, dazu ein feinmaschiges Überwachungssystem. Der Verzehr psychoaktiver Blumen wurde vorgeschrieben. Die Blumen machen glücklich – und löschen die Erinnerung. Wer sich dem Blumenverzehr entzieht, wird absurderweise als Süchtiger bezeichnet und bestraft. Einer, der beschließt keine Blumen mehr zu essen und dafür Entzugserscheinungen, wie eine mögliche Strafe in kauf zu nehmen, ist Roger Collectibles, der so nicht nur auf verschüttete Erinnerungen, sondern auch auf ein Buch über die Geschichte Venusias stößt.

Doch anstatt es zu lesen, beschließt Roger es zu verkaufen – und macht sich damit zum Staatsfeind. Denn wo Erinnerungen unerwünscht sind, wird ein solches Buch zur Gefahr. Damit beginnt eine Jagd durch Traum und Raum, durch Zeit und Vorstellung. Denn auf Venusia, das nicht nur von Menschen, sondern auch von Maschinen und täuschend echt aussehenden menschlichen Hologrammen bevölkert wird, existiert längst nicht nur, was man sieht oder zu sehen glaubt. Einigen Venusianern stehen die Tore in die so genannte Neuroscape offen, eine Art kollektives Unterbewusstsein, eine Ebene, auf der sich Zeit und Raum locker überbrücken und nach eigenem Gutdünken gestalten lassen. Dort sind auch ungewöhnliche Begegnungen möglich.

Das Insekt blieb vor Rogers stehen. Es fixierte ihn durch ein kristallenes Monokel, das an einem kleinen Horn zwischen Tausenden von lupenartig hervorquellenden Augen befestigt war. Ein unsichtbarer Lautsprecher, an einem Gürtel um die Lenden gehängt, knatterte Worte hervor.

Es sind im Fluss befindliche Welten, die Mark von Schlegell mit phantasievoll bebilderten Erinnerungen, Ängsten und Wünschen möbliert. Und in dieser Neuroscape bekommt es sein Protagonist Roger Collectibles, der sich seiner selbst keinen Moment sicher ist, dann auch mit Jorx Crittendon, dem venusianischen Diktator zu tun. Er trifft aber auch auf einen Antiquar in einem schwebenden Laden und wird von einer Klatschreporterin begleitet, die ihn mit ihrer fliegenden Kamera zur Hauptfigur einer Reality-Show macht. Mit dabei ist auch eine fühlende Pflanze, die ins menschliche Bewusstsein dringen kann.

Und in dieser Neuroscape bekommt es sein Protagonist Roger Collectibles, der sich seiner selbst keinen Moment sicher ist, dann auch mit Jorx Crittendon, dem venusianischen Diktator zu tun. Er trifft aber auch auf einen Antiquar in einem schwebenden Laden und wird von einer Klatschreporterin begleitet, die ihn mit ihrer fliegenden Kamera zur Hauptfigur einer Reality-Show macht. Mit dabei ist auch eine fühlende Pflanze, die ins menschliche Bewusstsein dringen kann.

Und das ist nur ein Teil dieses Wahnsinns-Figuren-Ensembles, das Mark von Schlegell da losschickt. Der in New York geborene und in Köln lebende Autor hat etliche Texte über Kunst und Kunsttheorie und mittlerweile drei Science-Fiction-Romane veröffentlicht. „Venusia“, im Original 2005 erschienen, ist der erste. Darin entwirft von Schlegell eine quirlige, vor Ideen nur so strotzende, gesellschaftskritische Dystopie über eine totalitär regierte, außerirdische Kolonie, deren mit Drogen manipulierte Bewohner ihres Gedächtnisses beraubt selbst die Kontrolle ihrer Gedanken und Gefühle akzeptiert zu haben scheinen. Was passiert also mit Menschen, die keine Erinnerung haben? Ohne Vergangenheit, das ist eine Botschaft des Romans, gibt es auch keine Zukunft – zumindest keine, die irgendjemanden interessiert. Zu sehr ist da alles von der Einnahme halluzinogener Blumen bestimmt, deren Ausgabe am Strand zu chaotischen Szenen führt, ein Bild, das Breughel auf LSD gemalt haben könnte. Überhaupt spielen Pflanzen eine wichtige Rolle und von Schlegell schafft einen sehr interessanten Perspektivwechsel.

Nachdem der Homo sapiens den Neandertaler, seinen großen Cousin, ausgerottet hatte, forderten die konservativen Pflanzen die Vernichtung der gesamten Spezies. Diese Affen, so argumentierten sie, würden sich höchstwahrscheinlich auf Kosten aller anderen vermehren. Aber die neoliberale Mehrheit der Pflanzen überstimmte die Konservativen. Menschen seien gute Gärtner, sagten sie, außerdem sei Terra ohnehin eine Apokalypse vorherbestimmt. Eine gemeinsame Allianz aus Gemüse, Obst, Beeren, Pilzen und Blumen ermutigte die Affen, die außerordentliche Komplexität ihres übergroßen Gehirns weiter zu entwickeln und auszuschöpfen.

Nicht der Mensch ist die Krone der Schöpfung, die Pflanzen sind es, die den Homo sapiens nur gewähren lassen. Das ist nur eine von von Schlegells genial versponnenen Ideen, die den Roman trotz eines recht übersichtlichen Plots lesenswert machen. Zudem liefert der Autor einen wilden Ritt durch Philosophie, Popkultur, Science-Fiction und Physik. An Philip K. Dick oder James Graham Ballard knüpft da manche Szene an, Orwells Überwachungsstaat hat er auf den neuesten Stand gebracht. Den Realitätsbegriff hinterfragt von Schlegell in den ineinander purzelnden Szenen der Neuroscape, in der sich Traum- blitzschnell in Albtraumlandschaften und bloße Gedanken in comic-haft überzeichnete Gewaltorgien wenden können.

Die Effekte der Neuroscape nutzen sich mit der Zeit allerdings ab. Zu sehr ähneln sie Träumen, die zu lesen fast nie ein Vergnügen ist. In Träumen ist nunmal alles möglich, und das macht Traumgeschichten so beliebig und damit ermüdend. Da kann der Autor die Visionen noch so grell ausstatten, sie noch so rasant und frickelig aneinander schneiden, sie sprachlich noch so fein arbeiten. Es kommt der Punkt, an dem man sich mit dem Protagonisten fragt, ob Venusia nicht vielleicht doch zu unwahrscheinlich ist, um zu existieren. Erfreulicherweise schließt sich die Neuroscape irgendwann und dem Autor gelingt auch ohne sie noch ein wahrlich venusianischer Dreh: Kein Mensch hat diese Geschichte erzählt, sondern – was sonst? – eine Pflanze.

Mark von Schlegell: Venusia. Aus dem amerikanischen Englisch von Simon Elson. Matthes & Seitz Berlin, 240 Seiten, 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet im Forum Buch, SWR 2.

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