Andrea Fischer-Schulthess: Motel Terminal

SALIS_AFS_MotelTerminal_COVER_web_KZBL_Juni-1Für die zwölfjährige Meret ist die Welt ein Zimmer. Und dieses Zimmer ist im ersten Stock eines heruntergekommenen, ehemaligen Stunden-Motels außerhalb von Zürich, ein zweistöckiger Kasten aus den Sechziger Jahren. Meret kennt nichts anderes. Seit ihrer Geburt ist sie dort, darf nicht hinaus, weil alles dort draußen böse und gefährlich ist. So hat es ihre Mutter Nora erzählt, die sie, mit Hilfe ihrer Großtante Julie, dort gefangen hält. Und die aufgeweckte Meret hat jede Menge Zeit, über Gott und die Welt nachzudenken.

Das einzig Blöde an Gott ist, dass ich Angst habe vor ihm. Julie sagt, dass er alles sieht und weiß. Ein bisschen erinnert er mich an Mama. Sie weiß auch immer alles, was ich tue, esse, sage. Sie macht mir auch manchmal Angst.

Auf den ersten Blick weckt das Setting in Andrea Fischer Schulthess eindrücklichem, aber nicht durchweg überzeugendem Debütroman „Motel Terminal“ Erinnerungen an ganz reale Fälle, vor allem an jenen von Elisabeth Fritzl, die im österreichischen Amstetten von ihrem Vater 24 Jahre lang gefangen gehalten und schwerst misshandelt wurde.

Und doch trügt der Schein, denn die 1969 in Zürich geborene Autorin erzählt hier eine etwas andere Geschichte: Hier hält eine Mutter ihre Tochter versteckt, nicht um sie zu quälen, sondern um sie von der Welt abzuschirmen, zu beschützen. Fischer Schulthess hat damit die Vorzeichen einer solchen Tat radikal umgekehrt. Im Kern geht es hier eben nicht um männliche Machtphantasien, sondern um Liebe – zumindest so eine Art Liebe. Im Ergebnis ändert das freilich nicht viel. Meret war Zeit ihres Lebens noch nie an der frischen Luft, weiß nicht, wie sich Schnee anfühlt oder eine Schokotorte schmeckt. Sie bekommt nur abgepacktes Essen, damit nur ja keine Krankheitserreger und Keime an sie herankommen. Ihre Tagesabläufe sind peinlichst genau organisiert und überwacht. Da ist nicht viel Platz für Geheimnisse. Eines ist Merets Tagebuch, in dem sie mal reflektiert, mal unbedarft über ihre Situation nachsinnt. Starke Passagen sind das, auch weil da eine Gefangene kleine Puzzleteile einer ihr neuen Welt zusammenfügt, wenn sie etwa in Abwesenheit der Mutter mit Julie das Haus erkundet.

Ab und zu ist sie in mein Zimmer gekommen und hat ihren dünnen Zeigefinger übertrieben geheimnisvoll unter ihre Nase gedrückt und laut „Pssst“ gemacht, bis kleine Spucketeilchen aus ihr herausgespritzt sind. Dann haben wir immer gelacht und ich bin hinter ihr her auf den Teppich vor meinem Zimmer geschlichen. Er ist ganz weich zwischen den Zehen und der Staub klebt an den Füßen wie ein feines Fell.

Es sind diese kleinen, sinnlichen Wahrnehmungen, die einen sehr genauen Eindruck vermitteln, hier etwa von der Miefigkeit des ausrangierten Stundenhotels und seiner angejahrten, Baileys trinkenden Hüterin Julie. In kurzen Kapiteln springt die Autorin zwischen ihren Figuren hin und her, rückt ihnen zu Leibe, um gleich wieder die Perspektive zu wechseln. Im Zentrum steht die Mutter Nora, eine dreißigjährige, gutaussehende Frau, die einige Päckchen zu tragen hat, von denen man als Leser in kurzen Erinnerungssplittern erfährt. Sie wuchs bei ihrem Hippievater auf. Das Leben als Kind war ein leichtes und änderte abrupt die Richtung, als ihr Vater bei einem Autounfall starb. Nora kam zu Pflegeeltern – tief religiös und bigott dazu. Das Leben dort war die Hölle.

Sie floh, versteckte sich und das Kind, das sie später zur Welt brachte, im ausrangierten Stundenhotel ihrer Großtante Julie. Und weil sie auf gar keinen Fall wollte, dass diese Welt auch nur ansatzweise mit ihrer Tochter in Berührung kommt, manipulierte sie das Kind, inszenierte eine winzige Welt nach eigenem Drehbuch.

Nora selbst lebt seit einigen Jahren in einer schicken Wohnung in Zürich. Sie ist mit einem Banker verheiratet, der Nora vergöttert, aber nicht versteht. Sie bietet ihm eine Oberfläche, den Rest hält sie verborgen. Von ihrer Tochter Meret hat sie ihrem Mann nie etwas erzählt und so wechselt die intelligente, berechnende Nora eben zwischen ihren beiden Leben hin und her. Doch als der Jugendliche Nico auf Meret aufmerksam wird und sie gar in kurzen Ausflügen mit der Welt da draußen bekannt macht, beginnt Noras fein ziselierte Kulisse innerhalb weniger Tage zu bröckeln.

Andrea Fischer Schulthess‘ Blick ist gnadenlos, was die vielen Details trister Orte und ins Schlingern geratener Leben betrifft, doch geht sie mit ihren Figuren sehr behutsam um, stellt sie nicht bloß, sondern ergründet, was sie antreibt und beschäftigt. Das ist gelegentlich harter Stoff und doch ist da keine Spur von Trübsinn, kein depressiver Ton, der einen in dieser Geschichte ja keinen Moment überraschen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Der Erzählton ist frisch, humorvoll und leicht. Doch was da so locker erzählt wird, sind Abgründe.

Nun mag man die Grundidee des Romans zunächst etwas klischeehaft, vielleicht auch kitschig finden, wenn da jemand auf die hypothetische Frage, ob denn eine solche Tat auch von einer Frau begangen werden könnte, antwortet: Ja durchaus, aber eben aus Liebe. Doch ganz so einfach ist es freilich nicht. Denn Meret ist kein Wunschkind, ist vielmehr Erinnerung an üble Zeiten. Und die völlig aus dem Ruder gelaufene Fürsorge der Mutter für ihr Kind, ist eine verquere Mischung aus Zuneigung, Angst und Ablehnung. Nora liebt ihre Tochter, braucht dafür aber die absolute Kontrolle, weil sie meint, nur so auch ihre eigene Vergangenheit im Griff halten zu können. Das Ganze ließe sich durchaus auch als böser Kommentar auf übereifrige Helikoptereltern deuten, aber für diese zynische Lesart ist die Autorin dann doch etwas zu nah an ihren Figuren.

Dieser Erzählerin, die erst Biologie studierte, später in den Journalismus wechselte und nun also mit einem Roman debütiert, folgt man gern, weil sie Stimmungen, Atmosphäre und Milieus mit ihrer feinen Wahrnehmung gut trifft und auch immer wieder ungewöhnliche Bilder findet.

Der Himmel war verschmiert. Hinter der radlosen Kutsche im Hof färbte er sich zu Sorbet; Himbeere mit Mango.

Der Schein, dass sich hier einiges zusammen braut und auf ein ungutes Ende zusteuert, täuscht nicht. Immer komplexer und verzwickter wird die sich rasant zuspitzende Situation. Allein: die Erzählstimme ist so stark, dass sie den Text trotz beständig wechselnder Perspektive durchweg dominiert. Die Autorin differenziert dabei kaum die Tonlagen der einzelnen Figuren, verpasst es, ihnen eine eigene Stimme zu geben. Das nimmt dem Ganzen etwas von der Wucht, die es haben könnte. Davon bleibt allerdings noch genug übrig, das aus „Motel Terminal“ einen sprachlich gewitzten und dabei so leisen, wie beklemmenden Kriminalroman macht.

Andrea Fischer-Schulthess: Motel Terminal. Salis-Verlag, 320 Seiten, 24,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet in SWR 2 – Forum Buch

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