Dominique Manotti: Schwarzes Gold

1213_Manotti_Schwarzes-Gold_Bezug.indd1,4 Billionen Dollar – so viel ist die momentan jährlich geförderte Ölmenge wert. Und dabei ist der Preis im Keller, weil viel mehr Erdöl auf dem Markt ist als verbraucht wird. Drosseln wollen die Produzenten ihre Fördermengen dennoch nicht. Daran lässt sich gut ablesen, wie mächtig diese Branche ist – und wie viel Geld in diesem Geschäft steckt, um das es in Dominique Manottis neuem Thriller „Schwarzes Gold“ geht. Die Wirtschaftshistorikerin und ehemalige Gewerkschafterin Manotti konzentriert sich darin auf das Jahr 1973, als das Ölbusiness in Bewegung geriet. Bis dahin hatten sieben westliche Großkonzerne, die so genannten Sieben Schwestern, den Markt unter sich aufgeteilt. Die Länder im Nahen Osten, auf deren Staatsgebiet die Ölquellen lagen, bekamen kaum etwas vom Kuchen ab und begehrten nach und nach gegen die Kolonialstrukturen auf.

Hier kommt nun Dominique Manottis moralfreier Protagonist Michael Frickx ins Spiel, ein ehrgeiziger US-amerikanischer Rohstoffhändler. Er ist sehr erfolgreich, vor allem seit er die Tochter eines südafrikanischen Minenbetreibers geheiratet hat. Allerdings wittert er ein weit einträglicheres Geschäft. Der Iran will 1973 sein Öl gerne selbst vermarkten und so fädelt Frickx einen geheimen Deal ein. Der Clou: Das iranische Öl wird durch Israel transportiert, stillt zunächst den dortigen Öldurst und gelangt schließlich übers Mittelmeer nach Europa. Was so abenteuerlich klingt ist im Übrigen ganz real. Die Pipeline durch Israel gibt es tatsächlich.

Der Öl-Deal mit dem Iran bildet den Hintergrund für die eigentliche, in Marseille spielende Geschichte. Dort werden der Unternehmer Maxime Pieri und dessen rechte Hand erschossen. Der Fall wird dem jungen Polizisten Théo Daquin übertragen, der in Marseille seine erste leitende Stelle antritt. Manotti-Leser kennen ihn bereits aus drei anderen Romanen, die aber deutlich später spielen. In Marseille liegt einiges im Argen. Die Polizeidienste sind untereinander zerstritten, es gibt mächtige Geheimgesellschaften und einen blutigen Bandenkrieg, der aus der zerschlagenen French Connection resultierte. Das war ein – auch ganz reales – Geschäftsmodell Marseiller Gangster, die über zwanzig Jahre hinweg Heroin in die USA schmuggelten. Das Mordopfer Pieri war einst Mitglied dieses Mafia-Clans. Später schien aus ihm ein respektierter Geschäftsmann geworden zu sein – mit besten gesellschaftlichen Verbindungen. Derweil nutzte er die Logistik von damals einfach weiter. Pieri war Geschäftspartner des Rohstoffhändlers Michael Frickx – und diesem auf dem Weg zu neuen Geschäftsfeldern offensichtlich im Weg. Die Polizeispitze indes ist an der Aufklärung des Falles nicht wirklich interessiert und ordnet ein beschleunigtes Verfahren an, das Daquin nur 15 Tage Zeit lässt.

Die 1942 geborene Dominique Manotti hat sich mit diesem Roman auf unübersichtliches Terrain begeben, das sie jedoch meisterhaft auf ein nachvollziehbares Tableau herunterbricht und zu einem erstklassigen Kriminalroman verdichtet. Die Geschichte ist verwickelt und extrem vielschichtig, dabei aber nachvollziehbar und hochspannend erzählt. Dazu trägt Manottis sehr klarer, zupackender Stil ebenso bei, wie der fein ziselierte Plot. Sie behält neben den großen Erzählbögen stets auch die vielen Facetten gesellschaftlicher Abhängigkeiten im Blick.

Die französischen Polizisten müssen sich in kürzester Zeit mit den Mechanismen von Erdölhandel, Waffen- und Drogenschmuggel, von Briefkastenfirmen und Steueroasen beschäftigen. Für die Ermittler wie für die Leser erschließen sich so Stück für Stück komplexe Zusammenhänge. Auch wenn die Geschichte im Dickicht unternehmerischer Winkelzüge gelegentlich etwas zäh gerät und manche Figur ein paar Facetten mehr vertragen hätte, entwirft Manotti hier doch ein beeindruckendes Panorama der wirtschaftlichen und geopolitischen Situation der frühen 1970er Jahre. Es zeigt, wie sich das Öl-Geschäft damals veränderte und es lässt ziemlich gut erahnen, dass dieses Geschäft bis heute wohl weder einfacher, noch sauberer geworden sein dürfte.

Dominique Manotti: Schwarzes Gold. Aus dem Französischen von Iris Konopik. Argument-Verlag, 379 Seiten, 19 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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