Ross Thomas: Porkchoppers

 

9783895814037-1Porkchoppers – Der Titel von Ross Thomas‘ Roman mag auf den ersten Blick etwas seltsam anmuten. Er stammt aus dem US-amerikanischen Gewerkschaftsslang und bezeichnet Menschen, die vor allem von Eigennutz getrieben sind. Das trifft perfekt auf den 62-jährigen Donald Cubbin zu, den Protagonisten in Ross Thomas‘ grandiosem Politthriller. Dieser Donald Cubbin „sah aus, als müsse er Präsident von irgendwas sein“, führt der Autor seine Figur mit dem ihm eigenen, staubtrockenen Humor ein. Tatsächlich steht Cubbin einer der größten US-amerikanischen Industriegewerkschaften mit einer knappen Million Mitglieder vor. Er liebt die Vorzüge, die ihm der Job bietet, die edlen Hotelsuiten, den Cadillac mit Chauffeur, die große Show, das gute Leben überhaupt, das ihn freilich mit den Jahren ziemlich mitgenommen hat. Er ist schwerer Alkoholiker und hat den Kontakt zur gewerkschaftlichen Basis längst verloren.

So geht es ihm vor allem darum, bei den anstehenden Wahlen innerhalb der Gewerkschaft, seinen Platz an der Spitze zu behaupten. Sein ehemaliger Sekretär tritt gegen ihn an. Sein Widersacher hat einige psychische Probleme, um die seine Gegner wissen. Gekämpft wird mit harten Bandagen. Jeder der beiden hat sich ein Wahlkampfteam engagiert, das Geld einsammelt, Leute besticht, schmutzige Kampagnen forciert, die Schwächen des Gegners möglichst massenwirksam und damit gewinnbringend auszunutzen versucht. Und auch wenn Cubbin meint, das seien all seine Probleme, weiß er vom größten noch nichts: Jemand hat einen Killer auf ihn angesetzt.

„Porkchoppers“ ist Ross Thomas‘ zehnter Roman und gleichwohl der erste, den er aus einer auktorialen Perspektive erzählt. In den zuvor entstandenen Romanen arbeitete er mit einem Ich-Erzähler. Dabei kommt das Auktoriale Thomas‘ skeptischer und distanzierter Sicht auf die Dinge sehr entgegen. Genüsslich schaut er sich in den Köpfen seiner zahlreichen Figuren um und wechselt dabei munter und ganz und gar unangestrengt die Perspektive, ist mal bei Cubbin und seinen Mitstreitern, dann wieder bei seinen Gegnern. Auch sein sardonischer Humor kommt mit dieser Erzählperspektive besser zur Geltung. Sein Protagonist etwa ist davon überzeugt, dass die 20 Minuten, die sein Verstand täglich vom Alkohol noch unvernebelt arbeitet, für den Job völlig ausreichten. „Die meisten Menschen“, lässt Thomas seinen Protagonisten sinnen, „denken nicht mal fünf Minuten täglich nach, also hast du einen Vorsprung von einer Viertelstunde vor fast allen anderen.“ Mit wenigen Strichen zeichnet Thomas seine schillernden, mal kühl, mal pragmatisch, gelegentlich auch zynisch agierenden Figuren und legt ihnen wunderbar geschliffene Dialoge in den Mund. Durch sie analysiert er präzise die korrupten Strukturen der politischenVerhältnisse, indem er en passant von Absprachen der Gewerkschaft mit Industriellen und Mauscheleien bis ins Weiße Haus erzählt.

Der 1926 geborene Ross Thomas arbeitete lange als Journalist, baute in den 1950er Jahren das AFN-Büro in Bonn auf, einem Rundfunk für die US-Streitkräfte in Europa. Er war Gewerkschaftssprecher, PR- und Wahlkampfberater für Politiker in den USA und Nigeria, bevor er sich mit 40 Jahren dem Schreiben zuwandte – zum Glück. Bis zu seinem Tod 1995 entstanden 25 Politthriller von einem Mann, der mit dem Politzirkus und dem PR-Geschäft bestens vertraut war. Noch viel wichtiger ist allerdings, dass er aus diesem Stoff so leichtfüßige, wie intelligente Literatur über die Mechanismen der Macht, über Korruption, Intrigen und Bigotterie schreiben konnte.

„Porkchoppers“ erschien im Original 1972, ein Jahr später in einer Rumpfversion unter dem albernen Titel „Wahlparole: Mord“ in der gelben Reihe von Ullstein. Nun ist der Roman als Band 16 der verdienstvollen Ross-Thomas-Gesamtausgabe im Berliner Alexander-Verlag in einer Neuübersetzung erschienen – erstmals komplett und in dieser Fassung etwa doppelt so lang wie seinerzeit. Die 44 Jahre merkt man dem Roman nicht wirklich an. Er liest sich frisch und unverbraucht, verfasst in der Thomas-typischen schlanken, treffsicheren Prosa. „Porkchoppers“ ist ein echtes Vergnügen, eines seiner Meisterstücke.

Ross Thomas: Porkchoppers. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Alexander-Verlag, 309 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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