Mike Nicol: Power Play

Power Play von Mike Nicol

Power Play von Mike Nicol

Seeohren und blutiger Bandenkrieg, das muss man erstmal in einer Geschichte zusammen bekommen. Der südafrikanische Autor Mike Nicol schafft das spielend in seinem aktuellen Roman „Power Play“- und erzählt nebenbei von korrupten Politikern und dubiosen Geheimdienstinteressen. Seeohren? Das sind große Meeresschnecken, die auch Abalone heißen und als Delikatesse gelten, zumal sie inzwischen selten geworden sind. Ihr Fang wurde von der südafrikanischen Regierung erst reglementiert und schließlich ganz verboten. Aber das Geschäft vor allem Richtung China lief und läuft viel zu gut, so dass ganz real Unmengen der Weichtiere, wenngleich längst in Aquakultur gezüchtet, gewildert werden.

2007 gingen über 2000 Tonnen solchen Wildfangs allein nach Hongkong. Der Schwarzmarktwert lag seinerzeit bei rund 100 Millionen Euro. Ein gutes Geschäft also, das bei Mike Nicol drei Bandenchefs aus Kapstadt halten. Offiziell sind sie Geschäftsmänner und gelten als unberührbar. Bisher zumindest. Titus Anders – einer der Dreien – gerät samt Familie unter Beschuss, verliert nacheinander zwei seiner Söhne. Zudem gibt es plötzlich Turbulenzen zwischen den zwei Gangs in der Stadt. Für den Wirbel ist eine Frau namens Tamora verantwortlich, die von Titus einige Abalone-Fanggebiete zugeschanzt bekam, sich nun aber alles unter den Nagel reißen will. Zudem sind zwei chinesische Geschäftsmänner in der Stadt, die vorhaben, große Teile des illegalen Abalone-Handels zu übernehmen und dafür auch gleich eigene Arbeitskräfte ans Kap schicken wollen.

Für ihre Sicherheit soll Krista Bishop sorgen, eine Nebenfigur aus Nicols großartiger Rache-Trilogie – siehe CrimeMag hier und hier und hier – ((Alf macht noch Links))) an die er hier lose anknüpft. Krista hat die Sicherheitsagentur von ihrem Vater Mace übernommen. Der ist auf die Cayman-Inseln gezogen, um sein durch Waffenschmuggel während der Apartheidszeit angehäuftes und dort gebunkertes Geld vor Ort zu verprassen, weil er es nicht nach Südafrika bekommt, ohne die Behörden aufzuschrecken. Eigentlich kümmert sich die Agentur nur um Frauen mit genügend Kleingeld. Hier hat Krista auf Druck des Geheimdienstes eine Ausnahme gemacht, denn der drohte, ihrem Vater die Steuerfahnder auf den Hals zu hetzen. Zudem soll sie Titus Tochter Lavinia beschützen. Der Job geht allerdings schief. Lavinia wird entführt und die Lage damit ziemlich unübersichtlich.

 

Elegant führt Nicol die Erzählstränge, springt dabei immer wieder zeitlich etwas zurück, DSC_0150betrachtet eine Szene nochmals aus anderer Perspektive, erzählt überhaupt locker, lakonisch, dabei temporeich und mit sehr trockenem Humor. Allmählich wird klar, dass der Bandenkrieg wohl absichtlich angezettelt und befeuert wurde, um von einem Deal abzulenken, bei dem Regierungsvertreter und Geheimdienstler mit von der Partie sind. Dafür hat Nicol ein schönes Tableau teils irrwitziger Figuren aufgefahren.

Der smarte Geheimdienstler und Strippenzieher Mart Velace (der bereits in Nicols vorangegangenen Kriminalromanen eine zentrale Rolle spielte) ist wieder mitten drin, weiß in diesem Fall aber selbst nicht, wer ihm da zu welchem Zweck Aufträge erteilt. Sehr schön gezeichnet ist auch ein russischer Killer, der brachial drauflos ballert, aber partout nicht trifft. Der ihn zu den Einsätzen fährt, redet sich, ganz wie der Protagonist in James Sallis „Drive“, permanent ein, er sei nur der Fahrer, während er die Samosas seiner Mutter wegputzt. Dabei hat Nicol etliche Figuren des Romans samt Plot der frühen Shakespeare-Tragödie „Titus Andronicus“ entlehnt. Im Ergebnis passt diese robuste Geschichte erstaunlich gut in die Cape Flats von Kapstadt.

Manches deutet Nicol nur an, etwa wer beim illegalen Abalone-Handel alles die Finger im Spiel hat. Und das ist wohl durchaus Programm. Schließlich ist Mike Nicol ein gewiefter Erzähler, der sich den südafrikanischen Realitäten gerne mit einem gewissen Zynismus nähert. Während sich die Straßengangster also die Köpfe einschlagen und eine Etage höher neue Strategien und Koalitionen sichtbar werden, gehen im Hintergrund fast geräuschlos die großen Deals über die Bühne. Und wie Nicol das inszeniert, ist wieder mal große Klasse.

Mike Nicol: Power Play (Power Play, 2015). Roman. Aus dem südafrikanischen Englisch von Mechthild Barth. btb-Verlag, München 2016. 420 Seiten, 9,99 Euro.

(c)  Text und Autorenfoto: Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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