Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench

 

9783550080968_coverDie Sümpfe von Louisiana im Süden der USA nahe New Orleans – hier spielt Tom Coopers klasse Debüt „Das zerstörte Leben des Wes Trench“. Im subtropischen Mündungsdelta des Mississippi schlängeln sich zahlreiche Wasserwege an dicht bewachsenen Inseln vorbei Richtung Golf von Mexiko. Shrimpfischer gehen dort auf Fang. Allerdings wurde die Gegend 2005 von Hurrikan Katrina schwer getroffen und 2010 kam es bei einer Havarie der Bohrplattform Deepwater Horizon zu einer gigantischen Ölkatastrophe, die den Fischern vorübergehend die Lebensgrundlage entzog. Denn plötzlich wollte sie niemand mehr, die Shrimps aus Louisiana. Der in Florida geborene Tom Cooper zog 2010 nach New Orleans und erlebte die Ölpest vor Ort. „Wenn man dort hinausfuhr, sah man das ganze Ausmaß der Zerstörung“, sagte er in einem Interview. „So sieht wohl die Apokalypse aus.“

Es ist ein Leben unter erschwerten Bedingungen, das der Autor aus mehreren Perspektiven schildert. Da ist etwa der verschrobene Gus Lindquist. Er verdient sein Geld als Shrimpfischer, was allerdings beschwerlich ist, seit er bei einem Unfall den rechten Arm verloren hat. Deshalb sucht er mit einem Metalldetektor auf den Inseln nach dem verschollenen Schatz des Piraten Jean Lafitte. Seine Schatzsuche aber ist zwei Brüdern ein Dorn im Auge. Sie vermuten, dass Lindquist es auf ihre Marihuanaplantage abgesehen hat. Die Brüder sind groß im Geschäft, das weiß in der Gegend jeder und hält sich deshalb von ihnen fern, zumal sie als gefährlich gelten.

Der 17-jährige Titelheld Wes Trench hat während des Hurrikans seine Mutter verloren. Seither lebt er allein bei seinem verbitterten Vater, überwirft sich schließlich mit ihm und versucht sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Und dann ist da noch Brady Grimes, der für die Ölgesellschaft BP arbeitet. Er bietet den Fischern eine Abfindung an. Im Gegenzug unterschreiben sie, nicht gegen BP zu klagen. Viele Verzweifelte nehmen das Geld, um wenigstens die Schulden zahlen zu können, die sich seit der Ölkatastrophe, die sie faktisch arbeitslos machte, angehäuft haben. Grimes ist ein hartnäckiger Geschäftemacher, der selbst seiner Mutter das Formular vorlegt.

Kapitelweise springt der Autor von einem seiner durchweg versehrten, auch sehr eigenwilligen, teils skurrilen Protagonisten zum nächsten. Zusammen mit weiteren Nebenfiguren tauchen sie auch an den Rändern anderer Kapitel auf. So entsteht ein feines, episodenhaftes Erzählnetz mit detailliert gezeichneten Charakteren. Intensiv und mit reichlich schwarzem Humor schildert er deren Sorgen und Eigenheiten. Lindquist etwa wurde seine Armprothese gestohlen, als er sich ein paar Drinks genehmigte. Wenig später muss er sich mit einem Alligator auseinandersetzen, den jemand in sein Schlafzimmer gesperrt hat. Und schließlich muss er sich draußen in den Sümpfen den beiden Brüdern stellen, die ihn im Verdacht haben, ihre Plantage geplündert zu haben. Dabei waren das zwei entlassene Häftlinge, die auf der Suche nach dem großen Geld durch diese, sich ganz allmählich zuspitzende Geschichte irrlichtern.

Tom Cooper hat eine Menge guter Ideen, die er in filmreife Bilder mit viel Atmosphäre zu packen versteht. Die Sümpfe selbst nehmen eine zentrale Rolle ein. Differenziert beschreibt Cooper die Landschaft, ohne dass es eintönig wird und meist auch ohne sie unnötig mit Effekten aufzuladen. Man bekommt eine sehr genaue, auch sinnliche Vorstellung von der schwülen Hitze, dem Gestank nach Fäulnis und Schweröl, während man den Figuren folgt, die da auf den Wasserarmen unterwegs sind oder durchs Unterholz taumeln.

Der deutsche Romantitel „Das zerstörte Leben des Wes Trench“ ist etwas irreführend. Der jugendliche Titelheld spielt zwar eine wichtige, aber längst nicht die zentrale Rolle. Es ist eher ein gleichwohl mit handfestem Humor wie mit bitterem Realismus vorangetriebener Erzählreigen mit einem verzweigten Plot. Der Originaltitel „The Marauders“, also „Die Plünderer“ passt da besser, weil er alle im Blick hat, die in den Sümpfen von Louisiana darum kämpfen, den Kopf über Wasser zu halten.

Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Ullstein-Verlag, 384 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht auf SWR 2

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