Jóanes Nielsen: Die Erinnerungen

Die Erinnerungen von Joanes Nielsen

Die Erinnerungen von Joanes Nielsen

Im Jahr 1846 wüteten auf den Färöer-Inseln die Masern. Viele Färinger starben.

Aus der Vogelperspektive erinnerten die mit Grassoden bedeckten Häuser an große Napfschnecken, die sich an Felsen festgesaugt hatten. Kein Lebenszeichen drang aus ihnen. (…) So schnell wie möglich wurden die Toten aus den Häusern geschafft, sie wurden weder gewaschen noch in irgendeiner anderen Weise hergerichtet, bevor der Karren sie holte. Es war ein alter Brauch, den Toten die großen Zehen zusammenzubinden, damit sie nicht wieder gehen konnten, doch die Masern hatten den meisten Traditionen den Boden entzogen. Außerdem war es keineswegs sicher, dass die Toten überhaupt wieder gehen wollten. Wozu auch? Im Mai und Juni war der Tod in Tórshavn splitternackt und unübersehbar, und weder den Lebenden noch den Toten war solch ein Spuk zuzumuten, zumal wenn die Herbststürme die Stadt in salzige Meeresgischt hüllten.

Im Zentrum von Jóanes Nielsens auf zwei Zeitebenen spielendem Roman steht ein historisch verbriefter Arzt namens Napoleon Nolsøe. Der war Landeschirurg, als auf den Färöern 1846 die Masern ausbrachen, und doch weigerte er sich, von der Hauptstadt Tórshavn aus auf die südliche Insel Suduroy überzusetzen, um den Kranken dort zu helfen. Diese Weigerung empörte rund 150 Jahre später – und das ist die zweite Zeitebene – Jóanes Nielsens zweiten Protagonisten Eigil Tvibur. Dieser fiktive Eigil Tvibur ist Schriftsteller. Bis 1992 saß er im Stadtrat von Tórshavn. Seine Wiederwahl verhinderte ein Zeitungsartikel, in dem jemand an eine alte Geschichte erinnerte: Als junger Mann hatte Tvibur, erbost über den Arzt von damals, auf dessen Grab gepinkelt – und damit geprahlt. Später sah er ein, dass er dem Arzt Unrecht getan hatte. Also begann er, sich intensiver mit diesem Napoleon Nolsøe zu beschäftigen und rührte damit auch seine eigene Familiengeschichte auf, eine Geschichte, die er in kurzen, zugespitzten Kapiteln niederschrieb und die wiederum einen wesentlichen Teil von Nielsens Roman ausmachen.

Fünf Generationen geht die verwinkelte Geschichte zurück, ruckelt so tragisch, wie komisch aus fast 150-jähriger Entfernung in die Gegenwart. Das Leben des Arztes Nolsøe ist dabei über Umwege eng mit Eigils Familie verwoben. So nahm der Arzt, als er schließlich doch nach Suduroy ging, einen Nachbarsjungen unter seine Fittiche. Und dieser Junge, dessen bewegte Geschichte im Roman ebenfalls viel Platz bekommt, pflegte eine Freundschaft mit Eigils Ururgroßvater Nils Tvibur. Dieser vermachte dem Jungen schließlich sein Häuschen in Tórshavn. Und eben dieses Häuschen kaufte sich der Schriftsteller Eigil Tvibur, um eben dort seine nicht eben ruhmreiche Familiengeschichte niederzuschreiben. Denn Eigils Ururgroßvater wurde von seinem eigenen Sohn erschlagen, wie überhaupt alle männlichen Tvibur-Nachkommen diesen Hang zu plötzlich aufflammender Gewalt haben, auch Eigil Tvibur selbst.

Eigil war sich nicht sicher, wer sein Vater war. Er hatte einen Verdacht, ja, und der beschäftigte ihn sehr, als er in die dritte und vierte Klasse ging. Es war auch in der dritten und vierten Klasse, als Eigil gemobbt wurde. Ein kleiner Bengel namens Evert war der Schlimmste. Seine Mutter gab ihm den guten Rat, es den Burschen mit gleicher Münze heimzuzahlen. Kristensa riet ihrem Sohn, das Blut aus dem Scheißbengel des Zahnarztes zu wringen, dann würde alles gut werden. Und genau das geschah eines Tages nach der Schule.

Dieses sacht distanzierte, oft etwas nüchtern wirkende Erzählen prägt Jóanes Nielsens Roman. Er steht außen, betrachtet seine Figuren, zwischen denen er ebenso behände hin- und herspringt, wie zwischen dem rasch fließenden, sich weit verzweigenden Gestern und einem tief angelegten Heute. Dabei schafft er es, den beiden Zeitebenen – also die im Roman von Nielsens Protagonist Eigil Tvibur verfassten, historischen Begebenheiten und die auktorial erzählten, 1993 spielenden Passagen über das Leben eben jenes Schriftsteller Eigil Tvibur – auch jeweils einen eigenen Ton zu geben. Das ist ein leichter, lockerer für das Heute, und ein etwas steiferer für das Gestern. Gerade ins Gestern taucht er meist nicht vollständig ein, sondern macht die zeitliche Distanz spürbar, indem er etwa immer wieder aus Quellen zitiert.

Diese Familiengeschichte, die auch eine Geschichte der Färöer des 19. und 20. Jahrhunderts ist, kommt mal rau, mal ganz zart daher, überspringt 20 Jahre und konzentriert sich dann wieder auf einen Moment. Sie lebt von einer Unzahl kleiner Begebenheiten, welche die vielen Charaktere miteinander verbinden, widmet sich mal den färöischen Spitznamen oder den ersten Konflikten zwischen Unternehmern und für ihre Rechte eintretende Arbeiter im ausgehenden 19. Jahrhundert. Für viele Nebenfiguren dreht Nielsen eine Schleife, widmet sich auf ein paar Seiten oder auch nur in ein paar Zeilen deren Schicksal und gibt ihnen so einen Platz in seiner Chronik, die sich nach und nach verdichtet. So kommt der Schriftsteller Eigil Tvibur seiner Familie näher, als ihm lieb ist. Unter seinen Vorfahren sind Mörder und Vergewaltiger. Zudem wiederholten sich einige schicksalhafte Ereignisse, wohl auch weil sich so manch unguter Charakterzug in der Familie hielt und diese genetischen Prägungen auch für den Plot des Romans eine entscheidende Rolle spielen.

Nielsen hat einen guten Blick für widrige Details, und so erfährt man auch eine Menge über die Lebensumstände auf den Färöern, auf denen die Menschen bis ins 19. Jahrhundert von der Schafzucht lebten. Seither ist der Fischfang der größte Industriezweig. Die Seefahrt indes war früher wie heute eine Möglichkeit, der begrenzten Inselwelt zu entkommen. Das nutzen nicht nur einige von Nielsens Figuren, sondern auch der 1953 geborene Autor selbst, der nach der Schule zunächst als Seemann arbeitete, bevor er zu schreiben begann und 1978 seine ersten Gedichte veröffentlichte. In seinem Roman romantisiert er nichts, weder das harte Leben auf der dünn besiedelten Inselgruppe, noch die politischen Verhältnisse heute, wie damals. Und über so manche Absurdität lässt er seine Figuren offen spotten.

Nur ein einziges Mal in den tausend Jahren, in denen Menschen auf den Inseln lebten, hatte man versucht, ein einzigartiges Gebäude zu errichten, die Magnus-Kathedrale von Krijubour. Doch der Bau der färöischen Domkirche wurde nie beendet, das Gebäude war noch immer erst halb fertig. die Arbeiten wurden eingestellt, weil die Bewohner von Suduroy den Bau boykottierten. Sie hatten nichts gegen die Kirche, den Pastor und all den sakralen Prunk, sie wollten nur nicht dafür bezahlen. Daher griffen sie zu ihren Waffen, und so hatten die Bewohner von Suduroy den einzigen Bürgerkrieg in der Geschichte der Färöer begonnen. Der Kirchenbau wurde eingestellt und seither erinnerte die leere Kathedrale wie ein Monument an die knauserige und barbarische suduroyische Seele.

Es ist dieser harte, schneidende Witz, der Nielsens Erzählung funkeln lässt, wenngleich sie auf dem Weg auch einige Längen hat, Passagen, die mit Anspielungen gespickt sein mögen, dem mit der Färinger Kultur Unbeleckten die Lektüre aber gelegentlich etwas zäh werden lassen. Auch für die zahlreichen Orts- und Personennamen braucht es etliche Seiten, um sich einzuhören. Die Beigabe eines Figuren-Verzeichnisses hätte die Lektüre sicherlich erleichtert. Nielsen nimmt für seine Geschichte einen langen Anlauf, macht daraus aber eine virtuos komponierte, komplexe, von einem dunklen Humor getriebene Familiensaga. Wer hier auf schöne Bilder einer Inselgruppe im Nordatlantik hofft, wird enttäuscht. Nielsen ist kein großer Landschaftsmaler. Bei ihm stehen die Menschen im Zentrum und von ihnen weiß er vollmundig zu erzählen.

Jóanes Nielsen: Die Erinnerungen. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Btb-Verlag, 414 Seiten, 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen in SWR 2 – Forum Buch

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