Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit

978-3-85256-685-6„Trügerische Gewissheit“ ist eine überschaubare, aber sehr interessante Geschichte des apulischen Autors und ehemaligen Antimafia-Staatsanwalts Gianrico Carofiglio, der vor allem mit seinen Romanen um den selbstkritischen Anwalt Guido Guerrieri bekannt wurde. Diese Geschichte spielt Ende der 1980er Jahre in Bari, wo ein scheinbar klarer Fall einem skeptischen Maresciallo der Carabinieri keine Ruhe lässt.

Nach einem Mord in einem Mehrfamilienhaus lenkt eine aufmerksame Nachbarin den Fokus der Ermittler auf einen jungen Mann, dem sie kurz nach der Tat begegnet war. Der junge Mann ist rasch identifiziert, wird etlicher belastender Indizien wegen verhaftet, schweigt aber. Als Täter will ihn der Maresciallo nicht so recht akzeptieren, zumal dessen Verlobte bei der Tat eine Rolle zu spielen scheint, das Motiv aber rätselhaft bleibt.

Es ist eine schön geplottete Geschichte, in der Carofiglio den Blick der Leser elegant lenkt und aus dem scheinbar Absehbaren doch noch Überraschendes zutage fördert. Er hat einen sympathischen, zurückhaltenden Protagonisten geschaffen, der nicht bereit ist, das allzu Offensichtliche und damit den schnellen Ermittlungserfolg ohne weiteres zu akzeptieren, der, ganz im Sinne Sherlock Holmes, auf den Carofiglio etwas zu oft verweist, feine Unstimmigkeiten in der Beweisführung ernst nimmt, auf kleinste Hinweise achtet und so dem wirklichen Täter und dem wahren Motiv auf die Spur kommt. Wunderbar unaufgeregt und gekonnt erzählt.

Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit (Una mutevole veritá, 2014). Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Folio-Verlag, Wien 2016. 143 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

erschienen bei www.culturmag.de

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