William McIlvanney: Fremde Treue

McIlvanney_FREMDE TREUE_U1.inddDas Werk des im Dezember 2015 im Alter von 79 Jahren verstorbenen schottischen Lyrikers und Romanautors William McIlvanney ist nicht besonders umfangreich, wohl auch, weil er lieber sorgfältig statt schnell arbeitete und stets, wie er gerne hervorhob, alles von Hand schrieb. Ab 1977 wandte sich McIlvanney vorübergehend der Kriminalliteratur zu und veröffentlichte drei hochkarätige Romane um den eigenwilligen Polizisten Jack Laidlaw. Allesamt spielen sie in einem düsteren, vom industriellen Niedergang geprägten Glasgow. McIlvanney begründete damit den modernen, schottischen Kriminalroman.

Seinem Protagonisten Jack Laidlaw genügt es keineswegs, einen Täter zu fassen. Laidlaw will verstehen, warum jemand ein Verbrechen begangen hat, will wissen, was einen Menschen dazu bringt, eine Grenze zu überschreiten. Dabei ist er kein strahlender Held, sondern ein zu Schwermut und launischen Entscheidungen neigender Mensch. Laidlaws Charakter, schreibt McIlvanney im ersten Laidlaw-Roman, erschien diesem selbst „als verschlungenes Paradox. Er war ein potentiell gewalttätiger Mensch, der Gewalt verabscheute, ein untreuer Verfechter der Treue, ein umtriebiger Mann, der sich danach sehnte, verstanden zu werden.“

Schlicht „Laidlaw“ hieß der erste und „Die Suche nach Tony Veitch“ der zweite Band der Laidlaw-Trilogie, beide lesenswert und unabhängig voneinander verständlich. Das gilt auch für „Fremde Treue“, den dritten Band der Reihe, der sich von den Vorgängern vor allem dadurch unterscheidet, dass der Autor noch näher an seinen Protagonisten heranrückt, indem er Laidlaw selbst erzählen lässt. Denn Jack Laidlaw versucht hier mit dem Tod seines Bruders Scott klarzukommen, der betrunken vor ein Auto gelaufen ist. Scott und er hatten kaum noch Kontakt zueinander. Gerade deshalb will Laidlaw wissen, was seinen Bruder, einen Lehrer und Hobbykünstler, zuletzt umtrieb. Er nimmt sich eine Woche vom Polizeidienst frei, fährt ins Dorf Graithnock nahe Glasgow und forscht nach, auch weil er zunächst nicht wirklich an einen Unfall glaubt.

In etlichen Gesprächen legt Laidlaw allmählich Beziehungsgeflechte frei, stößt durch die wohlfeile Oberfläche des lichten Dorflebens und fügt immer mehr Puzzleteile zu einem neuen Bild seines Bruders zusammen. Scotts Ehe war am Ende. Zeitweilig hatte er eine Affäre und kurz vor seinem Tod Streit mit einem Kleinkriminellen. Außerdem randalierte er betrunken auf der Party eines kaltschnäuzigen Geschäftsmannes. Aber all diese Informationen wollen nicht so recht zusammenpassen, bis Laidlaw den entscheidenden Hinweis bekommt: Nicht seine aktuelle Lebenssituation, sondern ein Ereignis aus der Studienzeit setzte seinem Bruder zu, machte aus dem lebenslustigen und ambitionierten Künstler einen mit sich hadernden Trinker. Und am Rande dieser Geschichte ermitteln Laidlaws Glasgower Kollegen in einem aktuellen Mordfall, der schließlich auch für Laidlaws Nachforschungen eine Rolle spielt.

Die Laidlaw-Romane des zeitlebens bekennenden Linken McIlvanney sind dichte, scharfkantige Bestandsaufnahmen gesellschaftlicher Befindlichkeiten und sozialer Umbrüche, denen Laidlaw bei seinen Ermittlungen begegnet. Der Glasgower Polizist ist ein unglaublich sensibler, auf feinste Irritationen im Miteinander achtender Gesprächspartner. Doch je mehr er sich in seine Nachforschungen kniet, desto mehr wird er selbst zu einem einsamen Grübler, zu einem unberechenbaren Gegenüber, den seine Umwelt nur schwer erträgt. McIlvanney lässt seinen Protagonisten nach und nach das Mosaik eines Gescheiterten zusammensetzen, lässt ihn Geschichten ausgraben, die sich zu einem kleinen Panoptikum der Lebenslügen und dem Umgang damit fügen – auch seinen eigenen.

Und das alles erzählt McIlvanney hoch konzentriert, oft mit leisem, kratzigem Humor und aphoristisch zugespitzt. Das gilt sowohl für die Beschreibungen seiner Figuren als auch für manch philosophische Betrachtung des Lebens. Ihm sei es wichtig, sagte McIlvanney einmal, Dinge nicht nur vage zu beschreiben, sondern sie bildhaft zu konkretisieren. Das ist ihm in seinem dritten Laidlaw-Roman auch dank der guten Übersetzung von Conny Lösch aufs Neue exzellent gelungen.

William McIlvanney: Fremde Treue. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Verlag Antje Kunstmann, 349 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet in „Die Buchkritik“ auf SWR 2

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