Jeong yu-jeong: Sieben Jahre Nacht

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Der 18-jährige Sowon ist der Sohn des Stauseemonsters. Dazu hatten ihn die Medien seinerzeit gemacht, nachdem sein Vater Hyunsu zunächst ein Mädchen, später dessen Vater und schließlich seine eigene Frau getötet haben soll. Anschließend öffnete er die Schleusen eines Stausees, dessen Wassermassen weitere Opfer forderten. Da war Sowon elf Jahre alt. Auch er kennt nur die offizielle Geschichte, mit der er bisher leben musste. Allerdings entspricht diese offizielle Version nur an wenigen Punkten den tatsächlichen Ereignissen, von denen die südkoreanische Autorin Jeong Yu-jeong in ihrem Roman erzählt und zwar so geschickt, dass die genauen Zusammenhänge bis zum Schluss in der Schwebe bleiben.

Die Kerngeschichte ihres Psychothrillers hat Jeong in einen Roman im Roman gepackt. Ihr Protagonist Hyunsu ist ein gescheiterter Profi-Baseballer, der zum Alkoholiker wurde. Seine Frau kontrolliert und drangsaliert ihn auf Schritt und Tritt. Er hat bei einer Securityfirma angeheuert und sich für einen Job an einem abgelegenen Stausee beworben. Doch noch bevor er dort anfängt, überfährt er, als er betrunken entlang des Stausees unterwegs ist, mit seinem Auto ein Mädchen, erstickt die Schwerverletzte und wirft die Leiche in den See. Sein eigenes Verhalten stürzt ihn in eine schwere Lebenskrise. Und allmählich schöpft der Vater des Mädchens, der Besitzer des zum Stausee gehörenden Landschaftsparks, Verdacht, vermutet in Hyunsu den Mörder seiner Tochter.

Die Autorin springt in dieser Kerngeschichte kapitelweise von einer Figur zur nächsten, beleuchtet eine Szene oft aus verschiedenen Perspektiven. Gleichzeitig widmet sie sich sehr intensiv den einzelnen Charakteren, fügt jeweils immer noch eine Vorgeschichte, noch ein Detail hinzu, so dass sie mehr und mehr an Kontur gewinnen. Gleichzeitig meint man immer wieder, den weiteren Verlauf der Geschichte erahnen zu können. Aber das sind oft nur geschickt ausgelegte falsche Fährten in diesem wendungsreichen Roman.

Auf einer zweiten, zeitlich später angesiedelten Handlungsebene, erzählt Hyunsus inzwischen 18-jähriger Sohn Sowon, der die vergangenen sieben Jahre heimatlos war. Er wohnte zunächst bei Verwandten, später nahm sich ein Bekannter der Familie seiner an, den er Onkel nennt. Doch überall, wo sie sich niederzulassen versuchten, tauchten kurz darauf die Zeitungsberichte von damals auf, die Sowon als den Sohn des Stauseemonsters zeigten. So einen wollte niemand in seiner Nähe haben, weshalb er gezwungen war, weiterzuziehen.

Schließlich hatten er und sein Onkel in einem abgelegenen Dorf Ruhe gefunden. Doch dann ereignet sich dort ein Tauchunfall. Sowon und sein Onkel, beides versierte Taucher – Unterwasserlandschaften und das Tauchen selbst spielen in diesem Roman eine wichtige Rolle – retten die Verunglückten, geraten dadurch landesweit in die Schlagzeilen und das bringt auch ihren Verfolger wieder auf die Spur. Sie müssen erneut losziehen, während Sowon dieses Romanmanuskript zugespielt bekommt und liest, was sich damals am Stausee tatsächlich zugetragen hat. Allerdings hat dieser Roman im Roman noch kein Ende. Das wird erst noch geschrieben, so dass sich die beiden Erzählebenen immer enger ineinander schlingen und aufeinander zulaufen.

Jeong arbeitet mit einem überschaubaren Figurenensemble und inszeniert damit ein raffiniertes Kammerspiel an trostlosen, seltsam leeren Orten. Ihre wenigen Figuren allerdings leuchtet sie bis in die hintersten Winkel aus, macht allmählich deren Motivation und Verhalten plausibel und deren seelische Verwerfungen sichtbar. Spannend ist dabei zu sehen, wie sich die Figuren mit der Zeit verändern und wie wandelbar so eine Geschichte ist – je nach Blickwinkel. Daraus hat Jeong einen packenden, klasse erzählten Thriller gemacht.

Jeong Yu-jeong: Sieben Jahre Nacht. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Unionsverlag, 523 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

In der SWR 2-Sendung „Forum Buch“ habe ich mich mit Katharina Borchardt über den Roman unterhalten.

 

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