Malla Nunn: Tal des Schweigens

1207_Nunn_Tal-des-Schweigens_300dpiSüdafrika 1953. Seit fünf Jahren ist die National Party an der Macht, die Rassenordnung und deren strikte Trennung Gesetz. Malla Nunns Protagonist, der weiße Polizist Emmanuel Cooper vertritt dieses Gesetz – wenngleich er damit hadert und auch selbst schon in dessen Mühlen geraten ist. Cooper kämpfte im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der südafrikanischen Armee in Europa. Das brachte ihm ein paar Orden, vor allem aber ein Trauma ein. Auch acht Jahre später hat er noch die Stimme seines damaligen Sergeant Major im Kopf. Nach dem Krieg heuerte Cooper bei der Kriminalpolizei in Johannesburg an. Als er bei einer Ermittlung dem südafrikanischen Geheimdienst in die Quere kam, stempelte der ihn kurzerhand zu einem sogenannten Farbigen, was ihn aus dem Polizeidienst ausschloss. Davon erzählt Malla Nunn in ihrem ersten Roman „Ein guter Ort zu sterben“. Im zweiten Roman „Lass die Toten ruhen“ schlug sich Cooper als Privatermittler durch. Im nun vorliegenden dritten Band der Reihe ist er dank seines Vorgesetzten Colonel van Niekerk, einem liberalen Kap-Holländer, wieder ein Weißer – und im Dienst. Unterstützt wird er von seinem schwarzen Zulu-Kollegen Samuel Shabalala.

Die beiden werden in die Drakensberge geschickt, eine Gebirgsregion 200 Kilometer westlich von Durban. Dort wurde die 17-jährige Tochter eines Zulu-Clanchefs ermordet. Das Mädchen Amahle arbeitete auf einer von Engländern betriebenen Farm. Auf dem Weg von dort zu ihrem Dorf traf sie ihren Mörder. Die Mutter des Mädchens hatte ihr Verschwinden zwar auf der Polizeidienststelle gemeldet, doch unternahmen die Polizisten nichts. Und auch die Nachforschungen von Cooper und Shabalala gestalten sich schwierig, weil weder die Zulus noch die weißen Farmer im Tal wirklich mit ihnen reden wollen. Ganz offensichtlich haben da alle etwas zu verbergen.

Und bevor die Polizisten noch tiefer graben können, werden sie von ihrem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Eine Order von ganz oben. Der englische Farmer hat seine Verbindungen spielen lassen. Doch Cooper findet eine pfiffige Lösung: Da der oberste Polizeichef in seiner Arroganz Shabalala gar nicht erwähnt, bleibt der vor Ort. Weil Schwarze kein Auto lenken dürfen, bleibt Cooper als dessen Fahrer. Die Ermittlungen richten sich nun auf den psychotischen Spross der englischen Farmerfamilie. Aber auch der Dorfpolizist könnte etwas mit dem Tod des Mädchens zu tun haben, die vielleicht auch gar nicht die Unschuld vom Lande war.

Malla Nunn taucht tief ein in die südafrikanischen 1950er Jahre. Dafür hat die in Swasiland Geborene eigene Erfahrungen mit viel Recherche verknüpft. Sie selbst war in ihrer Kindheit als „gemischtrassig“ gebrandmarkt. Ihre Familie wanderte in den 1970er Jahren, da war Malla Nunn noch ein Kind, nach Australien aus, wo die Autorin bis heute lebt. Bekannt wurde sie zunächst mit drei preisgekrönten Dokumentarfilmen, bevor 2009 ihr Romandebüt erschien. Auch in ihrem dritten Kriminalroman erzählt sie atmosphärisch genau von einer Zeit und einer Gesellschaft, in der nicht nur Schwarze und Weiße strikt voneinander getrennt leben. Konfliktlinien verlaufen hier – selbst fünfzig Jahre nach Ende des zweiten Burenkrieges – auch zwischen einer wohlhabenden britischstämmigen und einer kap-holländischen Farmerfamilie, die gerade genug zum Leben hat. Aber auch die Zulu-Clans in den Drakensbergen sind sich nicht grün. Und mitten drin ist dieser, die südafrikanischen Verhältnisse kritisch beäugende Polizist Emmanuel Cooper mit seinem schwarzen Constable Samuel Shabalala, der die Kleidung der Weißen trägt und von seinem weißhäutigen Kollegen mit Respekt behandelt wird. Das verunsichert viele Weiße, die da allesamt Schwarze nur als Kaffer bezeichnen.

Malla Nunn seziert hier im Gewand eines wendungsreichen Whodunnit gekonnt und immer wieder mit bissigem Humor den Beginn der Apartheid in ihrer alten Heimat. Dafür arbeitet sie mit Figuren, die Tiefe haben, die mit persönlichen Konflikten ganz unterschiedlicher Art kämpfen und so zu einem komplexen und präzisen Bild einer zutiefst fragmentierten südafrikanischen Gesellschaft beitragen.

Malla Nunn: Tal des Schweigens. Ins Deutsche übersetzt und mit einem Glossar versehen von Else Laudan und Boris Szelinski. Argument-Verlag, 317 Seiten, 13 Euro.

(c) Frank Rumpel

Veröffentlicht auf SWR 2

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.