Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Ein Sturm wehte vom Paradiese her von Johannes Anyuru

Ein Sturm wehte vom Paradiese her von Johannes Anyuru

Einen Namen hat der schwedische Autor Johannes Anyuru seinem Protagonisten nicht gegeben. Er nennt ihn nur P, was für Papa stehen könnte. Denn um ihn geht es, um Anyurus Vater, einen ugandischen Kampfpiloten, der in den frühen 1970ern vom einigermaßen sicheren Europa zurück nach Afrika geht. Im sozialistischen Sambia will er als ziviler Pilot arbeiten, doch wird er noch am Flughafen verhaftet und an das seinerzeit ebenfalls sozialistische Tansania ausgeliefert. Dort vermutet man in ihm einen Spion des verhassten Nachbarn Uganda.

Er wälzt sich in der heißen Nacht hin und her, sein Körper fühlt sich an wie ein Knäuel aus leeren Schläuchen und Säcken und fest gespannten Sehnen und immer dünneren Muskeln. Wie konnte er nur so dumm sein, nach Afrika zurückzukehren? Die Gedanken liegen in ihm, ohne sich zu rühren. Immer und immer wieder die gleichen Fragen, jene Fragen, die ihm auch alle anderen stellen, wenn er von seiner Reise erzählt. Warum, warum.

Tagelang verhören ihn die tansanischen Behörden, wollen wissen, was ein ugandischer Pilot in Sambia und Tansania will. Er kann nur mit der schlichten Wahrheit antworten: Er wollte unbedingt wieder fliegen. P gehörte zu jenen, die im Uganda der späten 1960er Jahre für die noch junge Luftwaffe ausgebildet wurden. 1964 erlangte der in Ostafrika gelegene Binnenstaat Uganda seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien und Präsident Milton Obote wollte rasch eine eigene Luftwaffe aufbauen. Israel lieferte ausrangierte Kampfflugzeuge. P wurde 1968 für drei Jahre auf die Militärakademie ins befreundete, damals von einer Militärjunta regierte Griechenland geschickt. Anschließend sollte er zurück in seine Heimat.

Doch kurz vor Ende der Ausbildung 1971 putscht sich in Uganda der damalige General Idi Amin an die Macht und errichtet eine Terrorherrschaft, der bis 1979 mindestens 300 000 Menschen zum Opfer fallen. P beschließt, nicht zurück nach Uganda zu gehen, weil er als Anhänger Obotes und Mitglied des Langi-Stammes dort nicht sicher ist. Die griechische Militärakademie verweigert ihm deshalb den Abschluss und verbietet ihm zudem das Fliegen. Dennoch bleibt er zunächst in Athen, trifft sich mit einer Frau namens K, stets begleitet von der Sorge um seine Angehörigen in Uganda.

Die Obstbäume schlugen aus, rosa Gespenster, die scheinbar schwerelos über den Rasenflächen hingen. An den Wochenenden traf er sich mit K, sie spazierten durch das warme Orangenlicht der griechischen Frühjahrsabende, unterhielten sich über nichts, die Zukunft war leer, er durfte immer noch nicht fliegen. Er kaufte sich einen kleinen Kassettenrekorder, auf dem er manchmal Harry Belafonte hörte. Es blieb unmöglich, Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen.

Nicht nur in dieser Szene zeigt sich, mit welch lyrischer Leichtigkeit und Eleganz Johannes Anyuru Atmosphäre einfängt und seine Geschichte erzählt. Kein Wunder. Der heute 36-jährige veröffentlichte zunächst drei Gedichtbände, bevor er 2010 als Romanautor debütierte. „Ein Sturm wehte vom Paradiese her“ ist sein zweiter Roman, dessen Stoff er zunächst, wie er in einem Interview erzählte, in eine Art Langgedicht packen wollte. Er habe sich schließlich für die Prosaform entschieden, weil im Gedicht vieles zu kurz gekommen und wirklich Dramatisches möglicherweise auch zu poetisch geraten wäre.

Die Szene aus Griechenland ist nur eine Erinnerung, während P in einem Flüchtlingslager im tansanischen Tabora sitzt, wohin ihn die Behörden nach den fruchtlosen Verhören abgeschoben haben. Von dort überlegt P zu fliehen, wird aber vorher von einer Guerillaeinheit gekidnappt, die über die Grenze nach Uganda marschieren und Idi Amin stürzen will. P gelingt die Flucht nach Kenia, wo er für Jahre strandet, lange als Obdachloser, schließlich mit einem Job als Obstpflücker in einer billigen Pension lebt. Dort lernt er seine spätere Frau, eine Schwedin kennen, die sich in Afrika engagieren will. Über Umwege gelangt er nach Schweden, gründet mit seiner Frau eine Familie und kommt dennoch in der schwedischen Gesellschaft nie richtig an, fühlt sich ein Leben lang ausgegrenzt.

Anyuru arbeitet mit zwei Erzählperspektiven. Die eine ist nah an P, erzählt von dessen Irrfahrt durch Tansania und der jahrelangen Drangsal im kenianischen Nairobi. Während P verhört wird oder in einem Guerillalager im Busch sitzt, erinnert er sich an seine Kindheit, seine Ausbildung zum Flieger, seine Freundin in Griechenland, seine fatale Entscheidung nach Sambia zu reisen. Zwischendurch schaltet Anyuru zu einem Autoren-Ich, das alte Fotografien seines Vaters betrachtet, mit ihm spricht, schließlich an seinem Sterbebett steht.

Anders als etwa sein englischer Kollege Giles Foden, der sich 1998 in seinem Debüt „Der letzte König von Schottland“ als Ich-Erzähler in der Rolle von Idi Amins Leibarzt ins Zentrum des ugandischen Irrsinns der 1970er wagte, bleibt Johannes Anyuru außen. Von den Schrecken, die Amins Anhänger in Uganda verbreiten, ist nur am Rande die Rede. Ganz konkret aber erlebt P die Auswirkungen dieser Diktatur auf seiner dramatischen Odyssee durchs Nachbarland Tansania.

In seiner Heimat ist Johannes Anyuru ein bekannter Autor, der sich auch gesellschaftspolitisch einmischt. Mit dem Roman über seinen Vater hat er eine eindringliche Geschichte über Flucht, vor allem aber über Entwurzelung geschrieben. Mit dem Staatsstreich Idi Amins wurde sein Vater heimatlos, musste Jahre der Erniedrigung, Entbehrung und Ausgrenzung überstehen und schaffte es zeitlebens nicht, wieder Fuß zu fassen.

Auf seiner Flucht trennte sich sein Vater nach und nach von Fotografien, die seine Familie in Uganda oder ihn selbst als Kampfpilot zeigten. Er vernichtete die Bilder, weil sie ihm gefährlich werden konnten, ihn als Ugander und als Soldaten auswiesen, der er längst nicht mehr war. Die Vernichtung der Bilder ist in diesem Roman die stärkste Metapher für die sukzessive Entwurzelung Ps. Denn für ihn waren die Fotografien Anker in die Vergangenheit, Medium der Vergewisserung. Indem er sie vernichtet, verliert er ein Stück der eigenen Geschichte. Die Fotos stehen für einen Erinnerungskorridor, der immer schmaler wird. Im Roman beschäftigt sich der Ich-Erzähler immer wieder mit den Fotografien.

Ich bat ihn darum, mir noch einmal seine Fotos ansehen zu dürfen. Übriggeblieben sind größtenteils Porträtaufnahmen, die Mutter gemacht hat. Es gibt eine sehr schöne Aufnahme, auf der er ganz in Weiß gekleidet ist und breitbeinig in einem Garten steht. Er lacht. Dieses Bild ist wie das glückliche Ende, das ich mir wünsche. Vor mir. Vor uns.

Dramaturgisch hätte sich diese Geschichte sicherlich noch etwas gewiefter erzählen lassen, indem Anyuru etwa länger in der Schwebe gelassen hätte, was aus seinem Vater letztlich wurde. Das nimmt der Geschichte etwas die Spannung, doch auf die legte Anyuru es offensichtlich nicht an. Das kann er sich ohne weiteres leisten, denn sein Text lebt von starken Erzählpassagen, die das Ganze zu einem poetischen, auch melancholischen, aber nie sentimentalen Gruß an einen Mann machen, der von der Geschichte überrollt wurde. Da passt das Zitat von Walter Benjamin, auf den Anyuru im Titel seines Buches Bezug nimmt. Benjamin, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, schrieb vom Engel der Geschichte, der da von einem Sturm aus dem Paradies geweht wird und machtlos auf die Trümmer unter sich blickt. Dieser Sturm, schreibt Anyuru, während sein Ich-Erzähler auf den toten, im Klinikbett liegenden Vater schaut, war das Leben.

Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her. Aus dem Schwedischen von Paul Berf, Luchterhand-Verlag, 288 Seiten, 19,99 Euro.

(c) Frank Rumpel

In etwas knapperer Form auf SWR 2 gesendet.

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