Michael Fehr: Simeliberg

100121_REWX_mEine sagenhaft verquere Geschichte erzählt der 33-jährige Schweizer Autor Michael Fehr in seinem Roman „Simeliberg“. Der Gemeindeverwalter Griese soll da für die Sozialbehörde der nahen Stadt einen alten Waldschrat aus dessen einsam gelegenen Haus holen. Die Frau des Mannes ist verschwunden. Ihre Leiche findet die Polizei später im Garten vergraben. Zudem hortet der Mann anscheinend viel Bargeld und eine Kiste mit Maschinengewehren. Er schart junge Leute um sich, erzählt ihnen von Umsturzplänen, will aber vor allem den Mars kolonisieren.

Das Besondere freilich ist, wie Fehr diese konzentrierte, wendungsreiche Geschichte erzählt: in einer Art Langgedicht, unglaublich rhythmisch und dynamisch. Fehr springt von Szene zu Szene, erzählt von Figuren, die da Schwarz, Wyss und Griese (Grau) heißen, in intensiven, kraftvollen Bildern und mit einer Sprache, die mal ruppig, mal einfühlsam ist, es aber stets genau nimmt. Und Fehr hat etwas zu erzählen von nationalen Umtrieben, von Manipulation und Naivität, von Ausgrenzung und den fiesen Volten des Lebens. Hier ein Beispiel:

Griese lässt das Gewehr fahren / schreckt herum / behält das Maul offen / das Gewehr scheppert neben dem Stein auf die Erde / keine drei Schritt vor ihm steht einer vor der Baumkulisse / eine kurze / gedrungene / schwarze Waffe exakt auf ihn gerichtet / eine Maschinenpistole / denkt Griese / eine Maschinenpistole in echt / damit braucht einer nicht zu zielen / nur zu streuen / Anton / denkt Griese / „Anton“ / macht er / der andere in schwarzer Uniform / in einer Haltung / die er wohl einstudiert hat / die aber auch zeigt / dass er abdrücken kann / „Was hast du hier verloren / Arschloch“ / wieder Griese / „Anton / was machst du hier / gehts noch / was soll das“ / der vor den Bäumen / „Hast du noch nie gehört / dass der die Fragen stellt / der schiessen kann

Michael Fehr ist stark sehbehindert, diktiert seine Texte einem Computerprogramm, was wohl sein feines Gespür für Rhythmik und die weitgehende Abwesenheit von Farben in der Geschichte erklärt. „Ich bin sehr geübt im Hören. Und im Verwalten des Gehörten“, sagte er in einem Interview. Was er daraus zu machen im Stande ist, das zeigt er in diesem großartigen Roman.

Michael Fehr: Simeliberg. Verlag Der gesunde Menschenversand. 142 Seiten, 22 Euro.

(c) Frank Rumpel

Erschienen bei www.culturmag.de

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