Wu Ming: 54

_Titel_End.inddDer Schauspieler Cary Grant, der legendäre Mafiaboss Lucky Luciano, Jugoslawiens damaliger Präsident Tito und ein Fernseher der US-amerikanischen Marke McGuffin, das sind einige der zentralen Protagonisten in dem quirligen Roman „54“ des italienischen Autorenkollektivs Wu Ming. Der chinesische Ausdruck, den sich die Autoren da gewählt haben, bedeutet „Ohne Namen“. Er wird häufig von chinesischen Dissidenten benutzt, weshalb das italienische Kollektiv seine Namenswahl auch explizit als Hommage an sie verstanden wissen will.

Es ist das Jahr 1954, mitten im Kalten Krieg. In den USA macht McCarthy noch immer Jagd auf Kommunisten, hat mit seiner Anschuldigung, das ganze FBI sei von Kommunisten durchsetzt, den Bogen aber überspannt. Im ersten Indochinakrieg siegt die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung in Dien Bien Phu über die französische Armee. Und in Jugoslawien ruft Tito einen eigenen Weg des Sozialismus aus, indem er sich von Russland lossagt. Das ist die politische Großwetterlage, über die sich ehemalige italienische Partisanen in einer Bar in Bologna unterhalten. Pierre ist zu jung, um damals gekämpft zu haben. Dafür ist er ein meisterhafter Filuzzi-Tänzer, der mit seinen Freunden bei den Tanzveranstaltungen der Gegend gerne für ein paar Lire engagiert wird. Aber er hadert mit sich und macht sich schließlich auf, seinen Vater, einen ehemaligen Partisanen zu suchen, der sich seinerzeit nach Jugoslawien abgesetzt hat.

Währenddessen engagiert der Secret Service den Schauspieler Cary Grant für ein ziemlich bizarres Filmprojekt in Jugoslawien, mit dem Tito auf die Seite des Westens gezogen werden soll. Grant lässt sich darauf ein, weil es bei ihm gerade nicht allzu gut läuft. Dann ist da Lucky Luciano, der von Neapel aus den Drogenhandel organisiert, nebenher Pferderennen manipuliert und mit dem fiktiven Steve Cemento einen Mann fürs Grobe zur Seite hat, der seit einiger Zeit eine eigene Agenda verfolgt. Er schafft heimlich Stoff zur Seite, um sich alsbald absetzen zu können. Und dabei spielt eben dieser Fernseher, der, weil er nicht funktioniert stetig den Besitzer wechselt, eine wichtige Rolle.

Es ist ein dickes Bündel aus Geschichten, mit denen das Autorenkollektiv hier ein ganzes Jahr samt seiner politischen Implikationen mit leichter Hand einfängt. Sehr elegant haben die Autoren ihre Erzählstränge ineinander geflochten, haben reale Ereignisse und Figuren mit fiktiven vermischt und diese so charmant und passgenau zusammen gefügt, dass sie die reale Geschichte mit viel Humor gegen den Strich bürsten. „54“ ist ein wunderbar frischer, wendungsreicher, mit viel Menschenkenntnis erzählter, vor skurilen Einfällen mal sprudelnder, mal sacht perlender Roman. Klasse.

Wu Ming: 54. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold. Assoziation A, 528 Seiten, 19.90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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