Newton Thornburg: Cutter und Bone

Cutter_und_Bone_300Der 33-jährige Richard Bone hat dem bürgerlichen Leben den Rücken gekehrt, sich von Frau und Kindern getrennt, seinen Job aufgegeben. Seither schlägt er sich im kalifornischen Santa Barbara durch, indem er sich von solventen Touristinnen aushalten lässt. Die anderen Tage schlüpft er bei seinem Kumpel Alex Cutter unter, einem Vietnam-Veteranen, der im Krieg ein Bein, einen Arm und ein Auge verlor und seinem Trauma mit Zynismus und Selbstverachtung begegnet. Er lebt mit der tablettenabhängigen Mo und der gemeinsamen Tochter von ein bisschen Versehrtenrente. Es sind die frühen 1970er Jahre. Der Vietnamkrieg neigt sich seinem Ende zu, die Wirtschaft in den USA lahmt, die Arbeitslosenzahl steigt und der Umbruch, den Reagans neoliberale Wirtschaftspolitik in den 1980er bringen wird, wirft bereits seine Schatten voraus.

Als Bone eines Nachts zu Cutters Haus fährt, beobachtet er zufällig, wie ein Wagen in einer Hofeinfahrt hält, der Fahrer etwas in eine Mülltonne stopft und davon rauscht. Wie sich herausstellt, entsorgte der Fahrer die Leiche eines Mädchens. Bone hat den Mann zwar nur vage gesehen, doch als ihm in der Zeitung das Bild des Millionärs JJ. Wolfe begegnet, glaubt er, in ihm den Mann vom Vorabend zu erkennen. Sein Kumpel Cutter wittert die große Chance: Man könnte Wolfe, der ein Firmenimperium mit dem Verkauf von Hühnerfutter aufbaute, erpressen und sich so der stetigen Geldsorgen entledigen. Bone hat zwar Bedenken, wüsste den Mann lieber im Gefängnis, doch will er seinen Kumpel nicht im Stich lassen. Cutters einfacher Plan: Sie würden Wolfe unter Druck setzen und wenn er reagierte, womöglich zahlte, war er schuldig. Dann konnte man ihn immer noch der Polizei übergeben.

Doch die beiden taugen nicht zu Berufsverbrechern, sind bei weitem nicht gerissen genug, um auch nur in die Nähe von Wolfe zu kommen. Also recherchiert Cutter nochmals genauer nach und findet tatsächlich belastende Indizien. Allerdings schreckt er dadurch Wolfe und seine Helfer auf, die nicht lange fackeln. Also machen sich Cutter und Bone auf den Weg in die Ozark-Berge in Missouri, wo Wolfe seine Farm hat.

Im Original erschien der Roman 1976. Damals war der 1929 geborene Newton Thornburg ein gefragter Autor, verdiente gut an den Filmrechten für „Cutter and Bone“. Der Film kam 1981 unter dem Titel „Cutter’s Way“ in die Kinos. Jeff Bridges spielte Richard Bone. Und doch geriet Thornburg, der elf Romane veröffentlichte und 2011 in Seattle starb, in Vergessenheit. Dabei fängt er in seinem Roman die Zeit klischeefrei und klar ein. Der Ton ist sacht melancholisch, doch bricht immer wieder Thornburgs hartschaliger Humor durch. Seine Dialoge sind geschliffen, sein Stil ist so elegant, wie präzise. Thornburg interessieren die Befindlichkeiten und Beweggründe seiner fein gezeichneten Figuren. Er ist nah am immer wieder hadernden Richard Bone, den Mittelpunkt der Geschichte aber bildet der intelligente Zyniker und lebensmüde Spötter Alex Cutter. Es sind komplexe Charaktere, jeder auf seine Art ein Gestrandeter, unzufrieden mit dem Lauf der Welt, in der ein Industrieller, wie Wolfe scheinbar ungestraft nach eigenen Gesetzen agieren kann.

Das Formelhafte an der Kriminalliteratur interessierte Thornburg nach eigenem Bekunden nicht. Und wahrscheinlich ist sein Roman „Cutter und Bone“ auch deshalb zu einem ganz eigenständigen Noir-Meisterstück geworden. Er wolle über ganz normale Leute schreiben, Cutter und Bone eben, die da eher zufällig in die Nähe kriminellen Fahrwassers und dabei an die falschen Leute geraten. „Cutter und Bone“ ist großartige Kriminalliteratur, das lakonische Portrait einer Umbruchzeit und zeitlose Kunst gleichermaßen. Der Roman erschien hierzulande schon einmal 1982, damals allerdings stark gekürzt und unter dem so unpassenden, wie albernen Titel „Geh zur Hölle, Welt“. Nun bekommt er im 2013 von Wolfgang Fransen gegründeten, äußerst rührigen, auf anspruchsvolle Kriminalliteratur spezialisierten Hamburger Polar-Verlag in vollständiger Übersetzung eine neue Chance. Zum Glück.

Newton Thornburg: Cutter und Bone. Mit einem Vorwort von Thomas Wörtche. Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende. Polar-Verlag, 367 Seiten, 14,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet auf SWR 2

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