Friedrich Ani: Der namenlose Tag

42487_Ani_U1 KopieEs ist die schweigsame Ermittlerfigur des Tabor Süden, mit der Friedrich Ani bekannt wurde. Ihr widmete er bisher 18 Romane. Doch zwischendurch waren für Ani andere Figuren, andere Geschichten wichtiger, weshalb er in jeweils drei Romanen zwei weitere, eigenwillige Ermittlerfiguren losschickte. Und nun hat er mit Jakob Franck nochmals einen neuen Protagonisten ersonnen und mit ihm auch gleich den Verlag gewechselt.

Jakob Franck ist ein seit kurzem pensionierter Kriminalkommissar, der es seinerzeit, wohl seiner einfühlsamen Art wegen übernahm, den Angehörigen von Todesopfern die Nachricht zu überbringen. Und noch immer bekommt er nachts gelegentlich Besuch von den Toten, deren Todesursache er nicht klären konnte. Auch deshalb lässt er sich auf eine Privatermittlung ein, um die ihn ein Mann bittet, der meint, seine Tochter, die sich vor 20 Jahren 17-jährig im Park erhängte, sei womöglich ermordet worden. Der Mann hat einen in der Nachbarschaft lebenden Zahnarzt in Verdacht, von dem es schon damals hieß, er mache sich an junge Mädchen ran. Franck erinnert sich an den Fall, überbrachte der Mutter damals die Todesnachricht, umarmte sie. Sieben Stunden lang. Eine Grenzübertretung, nicht geplant, nie wiederholt, ein Tag, der sich Franck einbrannte – „auch wenn dieser Tag keinen Namen mehr hatte, weil der Tod den Namen solcher Tage immer mit sich nahm“. Ein Jahr nach der Tochter brachte sich auch die Mutter um.

Franck unterhält sich noch einmal mit Familienangehörigen, mit ehemaligen Schulkameraden der Tochter, mit der Schwester des Vaters und ganz allmählich fügt sich ein Bild zusammen, von einer jungen Frau, die in sich gefangen ist, zudem daheim kurz gehalten wird, gerne ausbrechen möchte und sich nicht recht traut. Während Francks Nachermittlungen sieht es eine Zeit lang so aus, als hätte der Vater seinerzeit die eigene Tochter missbraucht. Auch dessen Frau hegte den Verdacht. Ihr Mann konnte die Zweifel nie zerstreuen, weil in der Familie einfach nicht geredet wurde. Das ist das große Thema in Anis Romanen, das Ungesagte zwischen Menschen, versandete Kommunikation und was daraus erwächst: Vermutungen, Anschuldigungen, emotionale Sackgassen.

Anis pensionierter Kommissar Franck arbeitete, auch als er noch bei der Polizei war, mit einer unkonventionellen Methode. Er selbst nennt es Gedankenfühligkeit, ein Zustand, in dem er seinen Gedanken nachspürt, sie intuitiv ordnet und so gelegentlich zu neuen Erkenntnissen gelangt, die Tür entdeckt, die ihm in Ermittlungen bis dahin verborgen geblieben sein mag. Dieses Labyrinthische findet sich auch in Anis virtuos erzählter, lebenskluger und unendlich melancholischer Geschichte wieder. Große Erzählkunst von einem der hierzulande sicherlich besten Kriminalautoren.

Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Suhrkamp-Verlag, 301 Seiten, 19,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

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