Jason Starr: Phantasien

Scannen 17Der US-amerikanische Autor und Satiriker Ambrose Bierce, der 1914 in den Wirren des mexikanischen Bürgerkriegs verschwand, nannte die Phantasie einmal spitzzüngig ein Tatsachendepot, das sich fest in der Hand von Dichtern und Lügnern befinde. Was sich aus genau dieser Idee – also: was passiert, wenn man Phantasien für Tatsachen hält – eine im besten Sinne haarsträubende Geschichte erzählen lässt, zeigt Bierces 1966 in New York geborener Kollege Jason Starr in seinem aktuellen Roman „Phantasien“.

Als er im Kellerraum keuchend seine dritte Runde Bankdrücken absolvierte, hatte Mark eine Erleuchtung. Den ganzen Nachmittag war er gestresst gewesen, vor allem wegen Karen. Doch jetzt – vielleicht weil er von der Kraftanstrengung beim Training wieder einen klaren Kopf kriegte – sah er die Dinge viel positiver. Karen war eigentlich gar nicht sauer auf ihn. Klar, sie hatte sauer gewirkt, doch wie er sich erinnerte, hatte sie ihm einmal erzählt, es sei bei ihr in Beziehungen ein wiederkehrendes Muster, dass sie emotional reagiere. Eine Beziehung. Das hörte sich gut an, dachte Mark, der die Übung gerade zum zehnten Mal wiederholte.

Einer Beziehung zu seiner gutaussehenden Nachbarin Karen freilich steht einiges im Weg. Seine Ehe zum Beispiel. Mark Berman ist 44, lebt mit seiner Frau Deb und den zwei pubertierenden Kindern ein Mittelschicht-Leben in einem New Yorker Vorort. Sein Geld verdient er als Systemanalytiker einer Bank. Zu Karen, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, pflegen die Bermans seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis. Doch seit einiger Zeit ist Mark der Meinung, da sei mehr zwischen ihm und Karen. Und er redet sich ein, sie sei vor allem in ihn verknallt. Eine grandiose Fehleinschätzung, die für Mark mehr und mehr zur fixen Idee wird. Dabei führt Karen ein selbstbestimmtes Leben, verabredet sich seit der Trennung von ihrem Mann, hin und wieder über Datingportale. Erst allmählich realisiert sie, dass sich in der Beziehung zu ihrem Nachbar Mark etwas verändert hat.

Dessen Ehe mit Deb – da wissen die Leser mehr, als Karen – ist für Mark nur noch Belastung. Seit Jahren leben er und seine Frau nebeneinander her, funktionieren einigermaßen innerhalb der Familie. Doch Deb trinkt heimlich und hat seit zwei Jahren ein Verhältnis mit einem 18-jährigen, wobei der Sex aus verqueren Rollenspielen besteht. Sie trifft sich mit ihm in leeren Klassenräumen oder auf Baumarktparkplätzen und sie weiß: Das Risiko, entdeckt zu werden ist groß und würde ihr Leben zerstören.

 

Manchmal wollte sie Schluss machen, doch sie war schwach, impulsiv und traf ein ums andere Mal dieselbe dumme Entscheidung. Die schlimmste Entscheidung war gewesen, sich überhaupt mit ihm einzulassen, ihre ganze Ehe, vielleicht ihr ganzes Leben, in die Hände eines achtzehnjährigen Jungen zu legen. Eines achtzehnjährigen Jungen.                                                                                                                            Manchmal kam ihr die ganze Situation surreal vor. Owen war sechzehn gewesen, als die Affäre begann, was sie zu einer Ehebrecherin und Kinderschänderin machte. Jawohl, Deb Berman war eine Kinderschänderin. Nicht irgendeine Andere, keine Fremde aus den Nachrichten – sie. In den letzten zwei Jahren hatte es immer wieder solche Momente gegeben, an einem ganz normalen Abend zu Hause saß sie mit ihrer Familie am Esstisch oder half den Kids bei den Hausaufgaben, und plötzlich der Gedanke: ›Ich bin eine Kinderschänderin.‹

Deb will die Beziehung gerne beenden, merkt aber, dass sich längst eine Abhängigkeit entwickelt hat. Ihr Liebhaber Owen ist ein kühl berechnender, empathieloser Draufgänger, der nach außen etwas linkisch und harmlos wirkt, aber weiß, wie man charmant rüber kommt. Auch er lebt in einer Traumwelt, ist davon überzeugt, Deb liebe ihn.

Einfach runter erzählt wäre die Geschichte einigermaßen gewöhnlich. Doch Jason Starr zieht rasch die Schraube an. Schließlich ist der Autor, das hat er in bisher acht Noir-Romanen gezeigt, ein ziemlich kompromissloser Chronist scheiternder Existenzen. Seine Bücher spielen stets im saturierten US-amerikanischen Mittelklassemileu und am liebsten leuchtet er erfolgreichen Männern ihren Weg in den Abgrund. Das ist in seinem aktuellen Roman nicht anders. Hier lotet Starr bis ins Detail aus, wie leicht solche erträumten Parallelwelten die Realität infizieren können und wie schwierig es für die Betroffenen werden kann, aus einer solch einseitigen Phantasie auszusteigen. Und Starr spielt dieses Szenario auf gleich mehreren Ebenen durch.

Als Deb beschließt, ihre Beziehung zum 18-jährigen Owen zu beenden, kostet sie diese Entscheidung das Leben – und die Leser schauen, je näher sie Owen kommen, der Geburt eines Psychopathen zu. Gleichzeitig beginnt für Karen ein Alptraum. Denn kurz bevor Deb verschwand, ging sie im Golfclub auf ihre vermeintliche Widersacherin Karen los. Einige filmten die Prügelei, luden sie im Internet hoch. Die Medien stürzen sich darauf, machen Karen zur Verdächtigen – eine Fiktion, von der sich bald auch Freunde und Verwandte überzeugen lassen, ja sogar Mark zweifelt an ihr.

Er wollte sie hassen. Schließlich war sie es womöglich, die seine Frau getötet hatte, die Mutter seiner Kinder, die sein gesamtes Leben zerstört hatte. Es fiel ihm aber schwer, sie als das zu betrachten, was sie war – eine berechnende, kaltblütige Mörderin –, und doch konnte er nicht leugnen, dass sie die schönste Frau war, die er je gesehen hatte.                                                                                                                         „Du hast sie umgebracht, stimmt’s?“ Er hatte das gar nicht sagen wollen; es war ihm herausgerutscht. Karens Augen weiteten sich, und jetzt war sie es, die nicht blinzelte. »Wie war das?«                                                                                                                     „Bitte“, fuhr Mark fort, „sag mir einfach, warum.“

Jason Starr geht, das kennt man schon aus seinen früheren Romanen, unglaublich nah an seine Figuren heran, von denen etliche gefangen sind im Labyrinth ihrer gewaltigen Egos. Und der Autor erkundet als allwissender und mit schwarz funkelndem Humor ausgestatteter Erzähler die Welt aus deren Köpfen, schaut ihnen beim Verfertigen ihrer teils bizarren Gedanken zu und geht dabei nur zu gern bis an die Schmerzgrenze. Denn er deckt so manchen Mechanismus in Sachen Selbstbetrug, manch inkonsequentes Verhalten auf, das einem selbst gelegentlich in einer weit weniger zugespitzten, viel alltäglicheren Form durchaus bekannt vorkommen mag. Als Leser schaut man Starrs Figuren dabei zu, wie sie ins Unglück rennen, wie sie eine Idee zur Realität erklären. Auch das ist gelegentlich nur schwer zu ertragen.

Interessant wird diese Geschichte aber vor allem durch Jason Starrs gewiefte Erzähltechnik. Er dreht Schleifen, rückt einer Situation mehrfach zu Leibe. Von Kapitel zu Kapitel springt er von einem Protagonisten zum nächsten, spult dafür jeweils ein Stück zurück, erzählt, was die jeweilige Figur gerade umtreibt, um dann zielstrebig auf jenen Punkt der Geschichte zuzusteuern, der einem als Leser schon bekannt ist und den man nun aus neuer Perspektive geschildert bekommt. Das ist nicht neu. Gilbert Sorrentino etwa hat eine Variante dieses Erzählprinzips in seinem Roman „Die scheinbare Ablenkung des Sternenlichts“ in Vollendung durchgespielt. Aber auch Starrs Geschichte ist mit dieser Technik ganz wunderbar geraten, wird sie dadurch doch ständig im Fluss gehalten, indem immer neue Zusammenhänge, neue Erzähllinien, neue Aspekte an die Oberfläche gespült werden, so dass das Bild, das da entsteht, immer dichter, immer detaillierter – und immer monströser wird.

Allerdings bringt Starr seine Geschichte etwas zu überdreht, auch zu konventionell zu Ende, ein Schluss, der nach der aufwühlenden Lektüre im Vorfeld das literarische Äquivalent zu einem beruhigenden Kräutertrunk liefert. Schade, denn sonst wäre „Phantasien“ ein sagenhaft stachliges Biest von einem Roman geworden.

Jason Starr: Phantasien. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans M. Herzog. Diogenes-Verlag, 394 Seiten, 16 Euro.

(c) Frank Rumpel

Gesendet in SWR 2 „Forum Buch“

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