Gary Victor: Soro

litradukt_Cover_SoroSoro ist auf Haiti ein mit den Blättern der Bittermelone aromatisierter Zuckerrohrschnaps – und das Lebenselixier von Inspektor Dieuswalwe Azémar. Ohne Schnaps kommt er nicht durch den Tag, auch nicht durch den 12. Januar 2010, an dem die Erde in Haiti bebt und ein ohnehin schon armes Land ins Chaos stürzt. Über 300 000 Menschen kamen bei dem Beben ums Leben, noch mal so viele wurden verletzt, knapp 2 Millionen machte die Naturkatastrophe obdachlos, als sie um 16.53 Uhr Ortszeit unter anderem Haitis Hauptstadt Port-au-Prince zerlegte.

Inspektor Azémar ist da gerade in einem Hotelzimmer mit der Frau von Kommissar Solon zugange, seinem Vorgesetzten und einzigen Freund. Das ist ein Verrat, den er nie begehen wollte und den er sich in seinem vom Soro betäubten Schädel auch nicht erklären kann. Als die Erde bebt, stürzt das Hotel teilweise ein. Die Frau wird vor seinen Augen von einem herabfallenden Betonbrocken erschlagen, Azémar kriecht aus den Trümmern – und findet sich in einem Alptraum wieder.

Sein Vorgesetzter Solon weiß, dass ihn seine Frau betrogen hat. Ausgerechnet Inspektor Azémar schickt er los, ihren Liebhaber ausfindig zu machen, damit er, Solon, ihm eine Kugel in den Kopf jagen kann. Außerdem versucht der Inspektor, den Tod eines befreundeten Malers aufzuklären, der beim Beben ums Leben gekommen sein soll. Doch Azémar vermutet viel mehr, dass es ein aus Habgier begangener Mord war und die Täter die Gunst der Stunde nutzten, um das Verbrechen zu vertuschen.

Und dann ist da noch die Sache mit seiner Erinnerung. Als er sich mit der Frau seines Vorgesetzten traf, wollte diese ihn um Hilfe bitten, weil ihr Mann in Gefahr sei. Aber Azémar kann sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was sie ihm gesagt hat. Sein Chef, den Azémar stets für integer gehalten hat, scheint sich mit korrupten Politikern und einflussreichen Gangstern eingelassen und ihnen zu spät den Gehorsam verweigert zu haben.

Der 1958 in Port-au-Prince geborene Gary Victor gehört zu den bekanntesten Autoren Haitis. In seiner Krimireihe um den getriebenen Alkoholiker Azémar hat er ganz offensichtlich die perfekte Form und die perfekte Figur gefunden, um seinem Land auf den Zahn zu fühlen. Im vorangegangenen Band „Schweinezeiten“ verwandelte sich ein korrupter Kollege nach und nach in ein Schwein. So überdreht ist der zweite Band „Soro“ nicht, da reicht die durch das Erdbeben verursachte apokalyptische Realität als Folie völlig aus.

Gary Victor ist stets nah an seinem ziemlich abgehalfterten, aber unkorrumpierbaren Inspektor Azémar, den angesichts der Erdbebenschäden immer wieder Verzweiflung anspringt und der dennoch voll Wut ist auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse Haitis, auf Raffgier und Korruption. Und so tigert der Inspektor kreuz und quer durch seine verwundete Stadt, deren Infrastruktur weitgehend zusammengebrochen ist, in der an jeder Ecke Tote liegen, deren Verwesungsgeruch sich in der Hitze rasch ausbreitet, während gleichzeitig in den Trümmern bereits wieder das Leben einsetzt. „Port-au-Prince hatte den verängstigten Blick der gerade noch Davongekommenen“, konstatiert der Inspektor am Morgen nach dem Beben. Azémar deliriert durch die Tage, schläft kaum, isst nichts, trinkt viel Soro, der im Chaos schwer zu bekommen ist und droht öfter mal mit dem Revolver, um lästige Diskussionen abzukürzen. Auch er nimmt zwischen den Trümmern das Recht in die eigene Hand und ekelt sich vor sich selbst, während er versucht, seine eigene Haut zu retten.

Gary Victor fängt in seiner wuchtigen Geschichte die Stimmung, die Atmosphäre nach dem verheerenden Beben in starken, düsteren Bildern ein, erzählt von einem am Abgrund taumelnden Land, das für seinen Protagonisten Azémar schon beim nächsten Schluck Soro wieder matt zu leuchten beginnt. „Soro“ ist klasse erzählt und vom Herausgeber Peter Trier kongenial übersetzt, ein literarischer Höllenritt und harter Stoff dazu – alles andere wäre wohl auch gänzlich unangemessen.

Gary Victor: Soro. Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt-Verlag, 143 Seiten, 11,90 Euro.

(c) Frank Rumpel

Der Beitrag wurde auf SWR 2 gesendet

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krimikritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.