Bernhard Jaumann: Der lange Schatten

Der_lange_Schatten_978-3-463-40648-2.inddDie deutsche Kolonialgeschichte im heutigen Namibia samt dem seinerzeit von deutschen Truppen begangenen Völkermord, dem mindestens 65000 Herero und 10000 Nama zum Opfer fielen, liefert den Hintergrund zu Bernhard Jaumanns aktuellem Kriminalroman „Der lange Schatten“. Es ist eine komplexe Geschichte, die Jaumann da in seinem Politthriller zwischen dem namibischen Windhoek, Freiburg und Berlin aufspannt.

In Windhoek bekommt die ehemalige Polizistin Clemencia Garisis, die inzwischen ein eigenes Sicherheitsunternehmen betreibt, den Auftrag, die Frau des deutschen Botschafters zu beschützen, weil diese anscheinend anonyme Drohungen erhalten hat. Die Frau kümmert sich um ein Waisenhaus, hat einen der Jungen dort ins Herz geschlossen und will ihn adoptieren. Bei einer Ausfahrt werden die Frau und der Junge entführt. Es war Clemencias erster Tag – schlechte Publicity für ein Sicherheitsunternehmen.

Derweil wird in Freiburg das Grab eines ehemaligen Rassenforschers verwüstet, der Schädel gestohlen. Es war das Grab von Eugen Fischer, dem Großvater der Botschaftergattin.                                                                                                                Gleichzeitig hält sich eine Herero-Delegation in Berlin auf, um die während der deutschen Besatzungszeit geraubten und damals der Charité zu Forschungszwecken übergebenen Schädel ihrer Ahnen zurück in die Heimat zu bringen. Zur Delegation gehört auch Claus Tiedke, Journalist aus Windhoek. Der Grabraub in Freiburg schlägt hohe Wellen. Und als bei einer Kontrolle am Berliner Bahnhof ein Polizist erschossen wird, fahndet die Polizei nach einem Namibier, der den selben Nachnamen trägt, wie der Leiter der Herero-Delegation. Claus Tiedke vermutet, dass sich der Flüchtige unter die Delegation mischen will. Er kontaktiert seine Freundin Clemencia, damit die Nachforschungen vor Ort anstellt und ganz allmählich wird klar, wie die Fälle zusammenhängen, wie eng sie miteinander verflochten sind und wie raffiniert Jaumann seinen Roman komponiert hat. Da geht es um alte Schuld und neue Rechnungen, um illegale Adoptionen aus Afrika, um Korruption und kühles, politisches Kalkül – und zwar gleichermaßen in Deutschland, wie in Namibia.

Das ist alles sehr genau und kenntnisreich erzählt, klischeefrei, weil Jaumann die Klischees nur zu gut kennt und ihnen lächelnd das Wasser abgräbt. Geschickt hat er seine Schauplätze durch eine kompakte, auch immer wieder kleinteilige Geschichte elegant und nachvollziehbar miteinander verknüpft und aus einem schwierigen, auch hochaktuellen Thema (schließlich kapitulierte im Juli 1915 die Kolonie Deutsch-Südwestafrika) einen klasse Roman gemacht.

Der 1957 geborene Bernhard Jaumann, der schon reichlich in der Welt herumgekommen ist, hat sechs Jahre in Namibia gelebt und das merkt man seinen bisher drei dort spielenden Thrillern („Die Stunde des Schakals“ und „Steinland“ hießen die Vorgänger) einfach an. Er kennt nicht nur Land und Leute, sondern eben auch die unterschiedlichen Seiten und Postionen zur Kolonialgeschichte, die Vorbehalte und Konsequenzen, das jeweilige politische Kalkül, die diplomatischen Eiertänze und die Bedeutung, die eine Entschuldigung und ein Schuldeingeständnis von deutscher Seite hätte. Aber das Wort „Genozid“ kommt deutschen Politikern angesichts der Kolonialverbrechen in Namibia vor hundert Jahren wohl auch aus Angst vor möglichen Reparationsforderungen bis heute nicht über die Lippen. Auch und gerade davon erzählt Jaumann.

Bernhard Jaumann: Der lange Schatten. Kindler-Verlag, 318 Seiten, 19,95 Euro.

(c) Frank Rumpel

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